Allerlei chinesische Besonderheiten

Sonntag, 13.07.2014

Heute will ich über einige chinesische Besonderheiten berichten, die auf uns Westeuropäer eher etwas befremdlich wirken.

1. Transport auf zwei Rädern

Hier kann man unterscheiden zwischen dem Transport von Personen und Sachen.

Zweiräder, insbesondere die E-Roller, die einen breiten Fußraum haben, eignen sich besonders gut für alle Arten von Sachen. Diese können im Fußraum gestapelt werden, selbiger ist durch ein Brett erweiterbar, sodaß auch die Transportfläche größer ist. Ferner gibt es breite Körbe, die ähnlich unseren Fahrradtaschen rechts und links des hinteren Reifens befestigt sind. Diese kann man füllen und und in die Höhe bauen. Natürlich müssen alle Sachen gut verzurrt werden. Ein solches voll beladenes Zweirad hat dann die Breite eines Autos haben, oft ist der "Transport-Aufbau" höher als ein Auto.

Beim Transport von Personen erhebt sich vor allem die Frage, wieviele Personen vom Fahrer überhaupt auf diesem Fahrzeug transportiert werden können: es sind meistens zwischen einer und drei (zusätzlichen) Personen.
Oft wird eine Person auf dem Rücksitz transportiert (nichts Ungewöhnliches.
Es können aber auch zwei Kinder sein.In dieser Konstellation gibt es zwei Optionen: Der Erwachsene ist (natürlich) der Fahrer, das kleinere Kind steht vor dem Fahrer auf dem E-Roller und das größere Kind sitzt hinter dem Fahrer; oder beide Kinder sitzen hinter dem Fahrer.
Ein (weiterer) Erwachsene und zwei Kinder: ein Kind sitzt oder steht vor dem Fahrer, das andere, ältere Kind sitzt zwischen Fahrer und dem anderen Erwachsenen oder das kleinere Kind sitzt zwischen den beiden Erwachsenen und das größere hinter dem anderen Erwachsenen.
Ein (weiterer) Erwachsene und ein Kind: das Kind sitzt zwischen den beiden Erwachsenen oder in einem Schalenkindersitz (sehr selten) hinter dem Erwachsenen.
Fahrer und ein Kind. Hier kommt es auf das Alter des Kindes an: Ältere Kinder sitzen in der Regel hinter dem oder der FahrerIn, jüngere Kinder sitzen in einer Sitzschale in Fahrtrichtung oder blicken nach hinten oder sie sind in irgendeiner Form vor dem FahrerIn untergebracht: sie stehen, sitzen, im Winter warm eingepackt auf einer Tasche; sind so untergebracht, dass oft nur ein Beinchen zu sehen ist - möglicherweise in einer Tasche oder einem Korb. Fehlt für das morgens noch müde Kleinkind eine Sitzschale, so kann es auch hinter dem FahrerIn an diesem mit einer Decke angebunden sein.

Bei Regen hält üblicherweise der Beifahrer den Regenschirm, wenn nicht ein solcher fest am E-Roller montiert ist. Ein solcher hat dann nicht die übliche, runde Form, sonderm ist nach hinten verlängert, sodass ein Regnschutz für Fahrer und Beifahrer besteht.

Man kann übrigens auch Hunde auf dem E-Roller transportieren. In der Regel befinden sie sich immer zwischen den Füßen des Fahreres: in einem Korb/Tasche oder sie sitzen,liegen oder stehen dort und blicken interessiert auf das Verkehrsgeschehen.

2. Allgemeines zum Transport von kleinen Kindern

Kleine Kinder, meistens bis zum Alter von einem Jahr, werden von Müttern, Vätern oder Großeltern in der Regel auf dem Rücken transportiert in eigens dafür vorgesehenen Tragetüchern. Scheint die Sonne mäßig und ist es warm gibts keine Probleme. Jedoch im Sommer, wenn die Sonne sehr stechend ist oder im Winter, wenn sich die Kälte breit macht, müssen die Kinder geschützt werden. Über die gesamte Tragevorrichtung wird ein großes Frottétuch oder Decke ausgebreitet, sodass vom Kopf des Kindes (das ist das einzige, was vom Kind zu sehen ist und natürlich unten die heraushängenden Füßchen) nichts zu sehen ist. Im ersten Moment stellt sich die Frage, ob das Kleine noch genügend Luft bekommt, aber ich gehe mal davon aus, dass dem so ist. 
Man sieht also in Kunming so gut wie keine Kinderwagen, ab und zu gibt es Buggys für die etwas älteren Kinder.

Ab und zu werden Kleinkinder auch vorne auf den Arm genommen oder sind in einer entsprechenden Tragevorrichtung.

3. Werbung, wie macht man das hier?
 
Auf dem Markt:
a) Mit dem Hämmerchen auf einen flachen Eisenreif klopfen (ganz alte Methode). Dies wird gewöhnlich von den Verkäufern gemacht, die keinen festen Stand haben, sondern ihr Waren auf einem Rad (Zwei-oder Dreirad) transportieren und von da aus auch anbieten.
Aber auch auf dem Boden sitzende Verkäufer machen auf diese Art auf sich aufmerksam.
b) Auf die eigenen Waren als besonders gut, schmackhaft, billig etc. hinweisen (wie bei uns).
c) Ein Band läuft, auf dem monoton die feilgebotenen Waren angepriesen werden.

Für Geschäfte:
a) Werbezettel werden verteilt.
b) Man versucht, die potentiellen Kunden in den Laden hinein zu komplimentieren. Allerdings nicht in der aufdringlichen Art mancher arabischer Verkäufer.
c) Auch hier werden Tonbänder abgespielt,
 
4. Chinesische Klos
 
Chinesische Klos sind in der Regel Stehklos, erstmal nichts Besonderes, aber es gibt sie in verschiedensten Ausführungen:
a) mit Wasserspülung und Tür - auch noch nichts Besonderes.
b) ohne Wasserspülung und ohne Tür, das geht so (zB auf dem Chongqinger Bahnhof): man kommt in den Toilettenbereich, links ein schmaler Gang, rechts die Klos. Bei den Klos gibt es einen Türbereich, der offen ist und einen Bereich, der eine Mauer bis zu einer Höhe von ca. 60 cm hat - der Bereich ist zum Pinkeln gedacht . Zum Pinkeln geht man in die Hocke, sieht, wer vorbei geht (wird gesehen), kann mit demjenigen reden oder auch nicht. Unter einem ist ein "Pinkelschacht", der durch die gesamte Kloanlage durchgehend durchgeht und durch den meist etwas Wasser läuft. Dieses wenige Wasser ist aber nicht in der Lage, die "Pinkelrille" von den Häufchen zu befreien. Vermutlich wird ab und zu etwas mehr Wasser durch die "Pinkelrille" geschossen (sonst müsste sie voller Haufen sein).
Wenn auf dem schmalen Gang, von dem aus man in den "Pinkelbereich" geht, sich zwei Leute begegnen, muss einer quasi in den Toilettenbereich ausweichen.
In Chongqing ist der Raucherbereich direkt neben dem Klobereich - ob das die Raucher wohl stört?? (Ein Raucherbereich ist übrigens in China eine Seltenheit: normalerweise wird überall geraucht, selbst in Gegenwart der "Rauchen verboten" Schilder.)
Diese Klos gibt es auch ohne Wände.
c) Stehklos irgendwo im Hof ganz ohne Wasser.
d) Naturklos: dh man geht in freier Natur ins Gebüsch (Erwachsene) oder macht auf Baumrabatten (Kinder), einige Eltern legen unter die Häufchen ihrer Kinder Plastik und entsorgen dann das eingewickelte Produkt. 
Kinder (Erwachsene inzwischen nur noch auf dem Lande) nutzen oft auch die Straße als Klo. Besonders günstig sind dafür die "Schlitzhosen", das sind Hosen, bei denen der Schritt offen ist (meist bis zum Bündchen) und entweder die Windel oder nackte Po zu sehen sind. Jungen, der Stolz der Familie, sind dadurch besonders leicht zu erkennen.
Es gibt in China sehr viele öffentliche Toiletten, meist kostenlos, und es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass es da, wo Essen verkauft wird, also zB. in Restaurants, auch Toiletten sind - warum auch, zwei oder drei Ecken weiter gibt es ja öffentliche Klos. 
e) Sitzklos gibt es in besseren Hotels und vielen in Privathaushalten. Auch in Flughäfen oder Orten, wo man mit westlichen Touristen rechnet; teilweise werden sie auch als "Behindertentoilette" etikettiert. Allerdings werden sie oft so mit Sachen vollgestellt, dass sie nicht genutzt werden können. 

Klopapier bringt man sich grundsätzlich selbst mit, nur in sehr vornehmem Restaurants oder Hotels wird es vorgehalten, dort gibt es meist auch ein Sitzklo. Da Chinesen in der Regel auf die Stehklos gehen, werden diese auch da als Abstell-, Putzmittelraum oder "kleine Mülldeponie" umfunktioniert. Klopapier wird in Klopapierkörbe entsorgt, auf keinen Fall ins Klo werfen!
Also, eine Klopapierrolle gehört unbedingt ins Handgepäck! Auch in Privathaushalten sollte man das sicherheitshalber immer dabei haben.
 
5. Krankenhaus
 
Wenn jemand ins Krankenhaus muss, muss er viel Geld haben (denn Krankenkassen sind durchaus noch nicht überall eingeführt) und Menschen, die ihn verköstigen: denn in chinesischen Krankenhäusern bekommt man keine Verpflegung. Bei Richard wurde das folgendermaßen geregelt: gekocht hat seine Schwester, die aber, da sie Thomas Sohn betreuen musste (da beide Eltern arbeiten), das Essen nicht ins Krankenhaus bringen konnte: Das hat dann die Frau von Gege (seine Schwägerin) übernommen.
 
Jahrelang hatten hunderte Millionen Chinesen keine ordentliche Krankenversicherung. Krank zu werden konnte eine Katastrophe bedeuten. Daher begann die Regierung 2007 ein landesweites Versicherungsnetz einzurichten, um sicherzustellen, dass jeder Zugang zu einer bezahlbaren Behandlung hat.

Peking hat zB. im September 2007 einen Krankenhausfond eingerichtet. Der Jahresbeitrag pro Person beträgt 50 Yuan (ca. 60 €). Die Lokalregierung steuert weitere 50 Yuan bei. Wenn die Behandlungskosten für eine Person 650 Yuan (ca. 75 €) übersteigen, übernimmt der Fond 70 Prozent der Behandlungskosten.

Ältere Bürger sind ebenfalls erfasst. 60 Prozent ihrer Behandlung wird vom Fond bezahlt. Demnächst sollen auch arbeitslose Menschen erfasst werden.

Bis 2010 sollen alle städtischen Einwohner unter dem Schutz einer Krankenversicherung stehen. Und auch in ländlichen Bereichen soll der Krankenhausbesuch nicht länger Luxus sein. Mehr als 700 Millionen ländliche Einwohner sind dem Programm beigetreten, seit es als Pilotprojekt im Jahr 2003 gestartet wurde. 

Gesundheitsminister Chen Zhu sagte, "die genossenschaftliche medizinische Versorgung auf dem Land wird Ende 2007 mehr als 80 Prozent der ländlichen Gebiete abdecken. Und bis Ende nächsten Jahres sollen alle ländlichen Gebiete erfasst sein. 

Bis 2007 seien bereits 70 Prozent der Bevölkerungin diesem Versicherungsprogrammen erfasst. Die Regierung sagt, sie werde mehr Geld in das System investieren und die Überwachung verstärken, um sicherzustellen, dass alle Bürger Zugang zu Gesundheitsversorgung haben.

 

Ihr merkt, einige Dinge sind sehr verwunderlich, andere weniger, wieder andere sind wirklich problematisch, so die Frage der Krankenversicherung.
Aber nochmal was ganz anderes: ich habe tatsächlich vergangene Woche die ersten frischen Walnüsse gekauft. Gibt's die bei uns auch schon??
Ich wünsche Euch weiter einen schönen Sommer, herzliche Grüße

                                                                                                             Steffi

 
 

 

Viel Unvorhergesehenes

Dienstag, 08.07.2014

Dies war die letzte Reise während meines jetzigen Yunnan Aufenthaltes, das Ziel war Lijiang.
Dort leben neben Tibetern, Bai u.a. vorwiegend die Naxi, allerdings sei die Kultur der Naxi, Bai und Tibeter recht ähnlich (sie seien wie Brüder). Lijiang liegt im nordwestlichen Teil von Yunnan, dort herrscht ein mildes, subtropisches Klima, die Winter sind trocken und sonnig, die Temperaturen nur knapp unter dem Gefrierpunkt, die Sommer meist regnerisch und feucht. Stimmt!


Ein paar Worte zur Geschichte:
Die Präfektur Lijiang wurde in Zeit der Yuan Dynastie 1278 von den Mongolen errichtet. 1382 schickte der Ming Kaiser Hongwu eine Armee nach Südchina, um diese Gebiete besser kontrollieren zu können. Der Anführer der Provinz Lijiang war der erste, der sich ergab, was vom Kaiser durch den vererbbaren Titel "Headman" an die Mu Familie honoriert wurde. Sie trieb die Steuern ein und schickte sie in Form von Silber und Naturalien an den Kaiser. 1385 liess die Familie Mu in Baisha, dem ehemaligen Regierungssitz, einen Tempel errichten, in dem Elemente des Buddhismus, Taoismus und der Dongba Religion der Naxi vereint sind. Der Tempel wurde, ebenso wie der später errichtete Palast, mit Fresken ausgestattet, die von Künstlern aus den verschiedensten Volksgruppen Chinas (z.B. Tibeter, Bai , Naxi, Han) erstellt wurden. Die noch vorhandenen Teile (u.a.wurde während der Kulturrevolution Einiges zerstört) sind noch heute zu sehen.
Während der Qing Dynastie wurde der Familie Mu der "Königsstatus" entzogen, Lijiang wurde von Provinzgouverneuren regiert, die anfangs noch aus der Mu Familie kamen, aber später schickten die Qing Kaiser chinesische Gouverneure in die Provinz. Die Familie verarmte (verfiel zunehmend der Opiumsucht), gleichwohl war ihr Status als Adelsfamilie in Lijiang immer noch lebendig.

Von 658 n Chr. bis 1106 n Chr. war Baisha politisches, kommerzielles und kulturelles Zentrum vor allem der Volksgruppe der Naxi und der wichtigste Ort für die sûdliche Seidenstraße (auch Tee- oder Pferdestraße genannt). Diese startete in Burma, kreuzte Lijiang, Shangrila und Tibet und führte bis zum Mittelmeer. Baisha war auch das Zentrum der Seidenstickerei im Südwesten Chinas. Dei Stadt verlor seine Bedeutung als Lijiang wegen der milderen Temperaturen zum zentralen Regierungssitz gemacht und Knotenpunkt der Handelswege wurde.

Die Altstadt von Lijiang ist berühmt für ihr System von Wasserwegen und Brücken ("Venedig von Yunnan"), ebenso wie für das Kopfsteinpflaster, mit dem die engen verwinkelten Gassen gepflastert sind (und die die Gassen bei Regen zur Rutschpartie werden lassen!).
Von dem "Löwenhügel" hat man einen schönen Blick auf die Altstadt, das Flusstal und den Jade-Drachen-Schneeberg - wenn Beides zu sehen ist. Auf dem "Löwenhügel" steht die sog. Wangu Pagode (in der Zeit der Qing-Dynastie erbaut), der für seine 10.000 geschnitzten Drachenfiguren berühmt ist.

Die Religion der Naxi ist eine Mischung aus tibetischem Buddhismus, Taoismus und Dongba (="weiser Mann" in der Sprache der Naxi), einer Naturreligion shamanistischer Prägung. Die Dongba Religion geht von einer sehr engen Beziehung zwischen Mensch und Natur aus, beide seien Halbbrüder. Aufgabe der Priester ist es, einerseits Opfer zu bringen und die Natur wegen der Eingriffe der Menschen zu besänftigen und andrerseits dafür zu sorgen, dass die Menschen die Natur nicht mutwillig zerstören. So soll z.B. jeder nur soviel Bäume fällen, wie er wirklich Holz braucht und wegen dieses Eingriffes in die Natur Opfer bringen. (Klingt doch eigentlich ganz vernünftig oder?) Vor 1949 gab es in vielen Dörfern noch Tempel und Schreine, um dem Naturgott Shu zu huldigen. 
Die Dongba Religion wurde von dem Russen Peter Goullart in seinem Buch "The Forgotten Kingdom" beschrieben (kann man im Internet lesen). Ebenso wichtig für die Kenntnis der Naxi Kultur ist der amerikanische Botaniker und Philosoph Joseph Rock. Beide haben Anfang des 20. Jahrhunderts in Lijiang gelebt, bis sie 1949 das Land verlassen mussten. 

Eine Besonderheit der Naxi ist deren Schrift, die aus 1400 Piktogrammen (die inzwischen wieder in der Schule gelehrt werden) besteht; sie sei die einzige, heute noch praktizierte piktographische Schrift.

 

Ihr merkt schon, diese Gegend mit seiner Geschichte hat mich ganz besonders fasziniert. Aber nun zur Reise selbst. Wieder Nachtzug, diesmal keine Unterkunft vorgebucht. Busfahrt vom Bahnhof in die Altstadt klappte ganz gut, das Hostel, das ich angepeilt hatte, war belegt, das Hotel nebenan mir zu teuer. Die sehr nette Rezeptionistin schlug mir eine günstigere Unterkunft vor und brachte mich auf den richtigen Weg. Auf dem Weg dahin entdeckte ich (quasi am Eingang zur Altstadt) ein kleines Hotel, in dem ich dann blieb - uff, das hat ja doch noch geklappt und ein kleines Zimmer für mich, ist auch nicht so schlecht; vielleicht bin ich aus den JH-Zeiten so allmählich doch rausgewachsen?!


Die gesamte Altstadt von Lijiang ist ein großes in sich geschlossenes Areal - größer als Dali, aber genauso "touristifiziert". In Lijiang leben vorwiegend die Naxi, die das Stadtbild mit ihren Trachten (nur die Frauen) prägen. Auf dem zentralen Platz der Altstadt tanzen sie zu ihrer Musik, jeder, der Lust hat, kann mitmachen.
Von dem "Löwenberg" aus, der diesen Namen hat, weil der Gipfel wie ein kauernder Löwe aussieht (ist mir allerdings entgangen). hat man eine schöne Aussicht über Altstadt und Neustadt (aber sehr teurer Eintritt), der Schneeberg und das Flußtal blieben leider im Nebel verborgen.
Durch den Touristenrummel ziemlich genervt, begab ich mich auf den Weg raus aus der Altstadt. Dabei gelang es einem recht gut englisch sprechenden Chinesen, Richard, mich erfolgreich anzuquatschen und sich als Reiseführer anzubieten. Er schlug mir vor, Baisha, zu besuchen, das ich eh auf meiner Liste hatte.
Eigentlich war er sehr nervig, erzählte von seinen vielen Freunden aus x Ländern, die alle begeistert von ihm waren und wieviel Stunden er mit denen auf welchen Bergen herumgekraxelt ist. Natürlich musste ich alles bezahlen, wobei die Busfahrt noch das Billigste war. Aber warum sich nicht auch einmal auf sowas einlassen?

In Baisha gibt es eine Embroidery School, die mich zunächst wenig interessierte und Fresken. Von der naxi'schen Seidenstickkunst war ich total beeindruckt, es ist eine sehr feine Arbeit, je besser der/die Stickerin ist, mit desto dünnerem Seidenfaden stickt sie; die Stickbilder sehen aus wie gemalte Bilder. Da musste ich was kaufen. Bei den Bildern von den Meistern stand dabei, wieviel Jahre Erfahrung dieser hatte (ab 6 Jahren) und wie lange er/sie für das Stickbild brauchte (ab vier Wochen) und wieviele unterschiedliche Farbtöne das Bild enthält. Viele Bilder sind sehr grellbunt - typisch Naxi -  , die Motive sehr unterschiedlich: religiöse (Dongba Religion), Tiere, Pflanzen, Szenen aus dem Alltagsleben, mit oder ohne kalligraphische Zeichen.

Auch noch zu den touristischen Zielen gehört der Besuch der Kräuterklinik von Dr Ho (92 Jahre), der als TCM Arzt in die Reiseführer gelangte umd vor dessen Haus eine Reihe von Zeitungsauschnitten steht, u.a. auch von deutschen Zeitungen, die über ihn berichtet hatten. Was er allerdings tatsächlich in seiner "Kräuterklinik" tut, ist mir ein Rätsel geblieben.
Leider habe ich auf die Fresken verzichtet (der Eintritt war sehr teuer und ich war auch schon etwas müde).
Den Plan, zum Jade-Schneeberg zu fahren musste ich aufgeben, da um diese Zeit selbiger Berg mit Schneekappe im Nebel verschwindet, es in den letzten Tagen sehr viel geregnet hat und damit die Wege recht glatt sind - wirklich nichts für mich. Das gleiche gilt für die berühmte Tiger-Sprung-Schlucht, die sonst ein unbedingtes Muss ist.

Zu meine anderen Planungen, die sich an dem Reiseführer orientierten und damit auch für alle anderen Touris interessant waren, hat Richard mir weniger touristisch frenquentierte Alternativen vorgeschlagen. So sind wir am nächsten Tag nach Heqin gefahren, einem kleinen, von Bai bewohnten Städtchen,  das er als sehr schön und kaum touristisch erschlossen bezeichnete.
Es gab dort wirklich noch sehr traditionelle Strässchen: wo statt Glasfenstern solche aus Holz waren, die morgens weggenommen, abends wieder hingestellt wurden, noch alte  (meist sechsteilig) Holztüren, viele Betriebe, in denen selbige hergestellt wurden (allerdings inzwischen maschinell), einfache Maschinen zur Nudelherstellung.
Wir tranken Tee bei einem Freund, der mit Antiquitäten handelte, schöne Holzschnitzereien und Steinskulpturen, saßen in seinem Wohnzimmer, das mit Rollbildern versehen war, Fotografien, die Plätze zeigte, an denen Mao gewesen ist und Kalligraphien, die Mao mochte.
Der nächste Besuch bei einem Freund, der mir seine alten Geldscheine zeigte, mit den Konterfeis von Sun Yat-zen, Chiang Kai-shek und aus der Zeit der Kulturrevolution - fand ich total spannend; diese Sachen hat er anscheinend von den alten Leuten eingesammelt.

Weiter mit einem Bus zu einem Dorf an einem hübschen kleinen See. Auf dem Weg dorthin gab es einen Laubengang, der das Kommunikationszentrum für die Dorfbewohner bildete, sehr lockere und entspannte Atmosphäre; was die Frauen am meisten interessierte, war mein Alter. Direkt neben dem Laubengang ein buddhistischer Tempel, in dem gleichzeitig auch der Wasserdrachengott verehrt wurde. Auf dem Weg zurück vorbei an einem anderen kleinen See, der am Fuße eines Berges lag, dort grasten Pferde, quackten Frösche und wurde geangelt - auch hier wieder eine sehr friedliche Atmosphäre.

 

Am nächsten Tag ging es in ein ganz anderes Gebiet, das ehemalige Reich der Nanzhao. Dieses Königreich entstand im 8. Jahrhundert durch die Vereinigung verschiedener Tai-Volksstämme, die im Süden Yunnans und Südostasien lebten. Unter der Tang-Dynastie wurde zweimal (751, 754) erfolglos versucht, das Nanzhao Königreich zu unterwerfen. Das Königreich kontrollierte die Ost-West-Handelsvwege zwischen China und Burma bis hin nach Indien; seine Blütezeit war Anfang des 9. Jahrhunderts. Ende des 9. Jahrhunderts verfiel das Reich allmählich und 902 wurden von einem Rebellen, der einen eigenen Staat gründen wollte, der letzte Nanzhao Kaiser ermordet. Mehrere Dynastien folgten einander, bis sich letztlich das Königreich Dali 937 durchsetzen konnte. 1253 wurde das gesamte Gebiet von Kublai Khan erobert .

Kulturell war das Nanzhao Königreich hoch entwickelt, die Verarbeitung von Baumwolle und Seide wurde dort betrieben, gehandelt wurde mit Salz und Gold. Durch die Handelsverbindungen mit dem Westen (Indien und Myanmar), kam der Buddhismus ins Land und gewann im Nanzhaoreich stark an Einfluss.

Es ging alsozu den Grotten von Shibaoshan (Steinglocken Berg wegen der Felsformationen), die wollte ich unbedingt sehen. Da die Grotten und der Tempel ziemlich weit auseinander liegen, wäre das ohne Wagen bis zur Abfahrt des letzten Busses nach Lijiang nicht zu schaffen gewesen.
Die Fahrt ging durch bergigen Nadelwald, mit wildem Oleander und Orchideen. Die Felsen haben sehr unterschiedliche Formen, in denen jeweils Tiere oder Figuren gesehen werden. Die Grotten und Tempel sind in den Felsen gebaut/gehauen (ähnlich wie in Dunhuang) und nur durch steile Treppen zu erreichen.
In den Grotten sind Szenen von zwei berühmten Nanzhao Königen zu sehen, die mit ihren Beratern zusammensitzen, sowie Buddhas und Bodhisattwas. Sehr eindrucksvoll.
An der zweiten Stelle war neben Grotten auch ein Tempel (und viele hungrige Affen), in dem die Skulptur eines liegenden (wegen des Felsens musste er liegen) Buddhas war; einige Figuren scheinen während der Kulturrevolution beschädigt worden zu sein.

Dann habe ich mich darauf eingelassen in Richards Guesthouse zu übernachten, das sich als äußerst primitiv herausstellte.  Das Anwesen war ein typisches Naxi Haus: an vier Seiten Wohngebäude (von denen eines meist als Tierstall genutzt wurde und in der Mitte ein Innenhof. Um den Innenhof viele Pflanzen, vorwiegend Gemüse; zwei Hunde, die sich partout nicht mit mir anfreunden wollten.
Nebenan wohnte in einem vergleichbaren, aber viel ordentlicherem Anwesen, Richards älterer Bruder (Gege), daneben Richards Neffe, Thomas, mit seiner Familie.
Das Dorf besteht ausschliesslich aus im alten Naxistil gebauten (meist neuen) Häusern, viel Landwirtschaft. Die Naxi lieben Blumen (Rosen, Stocktrosen, Dahlien etc.), sie gestalten ihre Innenhöfe mit bunten Blumen, Bäumen, Gewürzen. Ein schönes Haus sei für die Naxi das Wichtigste, dafür wird alles Geld gespart.

Richard, dem es gestern schon nicht gut ging, ist im Krankenhaus, Gege versorgt mich mit Frühstück, ich werde wohl am Abend nach Kunming zurückfahren, auf mehr Touristendorf, wie Shangrila, habe ich keine Lust, nachts hat es wieder ziemlich viel geregnet - die Tiger-Sprung-Schlucht damit endgültig passé. Eigentlich sind mir noch mehr neue Eindrücke auch zuviel - doch alt geworden?

Spaziergang durch das Dorf: vorwiegend Mais in verschiedenen Wachstumsstadien, dazwischen einige Sonnenblumen, viel Peperoni am Rand der Felder, dort auch Kartoffeln, einige Felder mit Zwiebelgewàchsen. Sehr primitive Behausungen (quasi in Gewächshäusern) und sehr wohlhabenden Leuten gehörende Villen wechseln sich ab. Irgendwo eine Schweinezucht mit viel Gegrunze und Gestank, die Tiere sind in vermutlich sehr kleinen Ställen.

Wenn nicht in Sichtweite eine Autostraße vorbeiführen würde, wäre die dörfliche Ruhe sehr entspannend. Vogelgezwitscher von vielen Seiten, die Spatzen sind als solche wieder zu erkennen (in Kunming haben sie alle einheitlich grau-schwarzes Gefieder).
Viele Hunde sind angekettet und noch wirkliche bissige Wachhunde, die sofort anfangen zu bellen, wenn man sich dem Hauseingang nähert.

Richards Hunde mögen sich nicht mit mir anfreunden, mehr als ein Spaziergang durch das Dorf bringt auch nichts Neues, die Unterkunft ist mehr als primitiv, mein Ziel bleibt, zurückzufahren und mir vorher noch mal die Fresken in Baisha anzusehen; das sage ich auch Thomas, der mich kurz vor Mittag abholt. Er bietet mir an, mich nach Baisha zu fahren und nachher noch zu einem See, der berühmt ist für die Pferdezucht. - Auch wieder eine unvorhergesehene Wendung.
Die Fresken in Baisha aus der Ming Zeit sind sehr beeindruckend, die Familie Mu, die damals die Regentenfamilie war und gute Beziehungen zu den Kaisern der Ming-Dynastie hatte, liess dazu die berühmtesten Maler kommen. Da Baisha  früher ein wichtiger Knotenpunkt für die Tee- und Pferdestrasse in den Westen war, sind in Baisha noch eine Reihe alter Häuser und Strassen zu sehen, touristisch nicht ganz so überlaufen wie Lijiang.

Danach zu dem See, an dem auch noch viele alte Dörfer liegen.  Am Wegesrand viele Piniennadelmist-haufen. Die Piniennadeln werden (von den Frauen) gesammelt, dann als Schlafunterlage für Tiere genutzt und später kompostiert und als natürlicher Dünger verwendet. Außerdem kann man sie im Winter sehr gut zum anfeuern benutzen. Die berühmten Naxipferde sind ziemlich kleine Pferde, die auf der Tee- und Pferdedtrasse unterwegs waren, die schwere Lasten tragen konnten und auch heute noch zum Transport in sehr unwegsamem, steilem Gelände benutzt werden (z.B. wenn Material in den Grotten von Shibaoshan benötigt werden), vorwiegend jedoch für den Tourismus. Und genau auf dieses Event, das Thomas mir vorschlug, habe ich mich eingelassen. Oh, oh!
Ich also mit viel, viel Mühe auf das Pferd und los ging's im Schritttempo (war allerdings wegen der beständig schmerzenden Hüfte kein reiner Genuss); die Pferde wurden geführt. Aber ich bekam eine Ahnung davon, welche engen, steilen und bei schlechter Witterung gefährliche Wege damals beim Transport von Waren gegangen werden mussten. Unterwegs Halt bei einer Naxigöttin (die ich in Unwissenheit nicht genug verehrt habe, peinlich).
Dann wurde umgestiegen in ein Boot am See. Der See war sehr flach und die (jetzt Metall-) Boote wurden gestackt. Früher wurde viel gefischt, heute dienen die Boote vorwiegend der Untehaltung der Touris. Am See gab es auch eine "Wildentenaufzuchtstation", ich vermute für die Pfanne.
Obwohl das ein reines Touri-Programm war, das ich in der Regel vermeide, war es ein angenehmer Abschluss meines Lijiang Aufenthaltes.

Vielleicht war das alles ein wenig trocken für Euch und zu sehr mit geschichtlichen und kulturellen Infos beladen, aber da ich es sehr wichtig und spannend fand, habe ich ich ein wenig den Bezug dazu verloren, wie es für Euch als weniger "Chinabewanderte" sein mag.


Mein Aufenthalt hier in Kunming nähert sich in großen Schritten immer mehr dem Ende und - wen wundert's - der Abschied fällt mir ganz schön schwer. Aber andrerseits freue ich mich auch sehr auf zu Hause und darauf, Euch alle bald wieder zu sehen.

 

Bis bald und ganz herzliche Grüße                     Steffi

 

China - einmal ganz anders

Montag, 23.06.2014

Vielleicht erinnert Ihr Euch, an dem Deutschen Stammtisch habe ich deutsche Ingenieure von der Deutsche Bahn International kennengelernt, die am Bau der Hochgeschwindigkeitsbahntrasse Kunming - Shangghai beteiligt sind. Das wollte ich mir mal ansehen und bekam (als auf diesem Gebiet völlig Ahnungslose) die Gelegenheit dazu.

Zu sehen gab esTunnel, Brücken, Erdarbeiten - hier in diesem hügeligen Gelände sind viel Brücken und Tunnel vonnöten.
Die Planungen für die Hochgeschwindigkeitstrasse wurde von den Chinesen gemacht, die Kontrolle der Bauausführung wurde abschnittsweise in mehreren Joint Ventures an ausländische Firmen vergeben. So besteht auch ein Joint Venture mit der db-international (Deutsche Bahn International), die eine Strecke von 100 km zu betreuen hat. Die gesamte Strecke zwischen Kunming und Shanghai beträgt ca.1.100 km - da gibt es viele Joint Ventures und natürlich auch vielerlei Probleme. Letztere bestehen aus Sicht der Deutschen vor allem in Folgendem:

1. Fünf deutsche "Supervisors" stehen 9 tausend chinesischen Arbeitern gegenüber, eine wirkliche Kontrolle aller Arbeiten ist nicht möglich. Die deutschen Ingenieure sprechen kein Chinesisch, d.h. sie benötigen alle Dolmetscher.


2. Die Arbeiten werden meist von angeworbenen Reisbauern aus der Region oder Wanderarbeiten durchgeführt, die fachlich null Ahnung haben, auch ein kompetenter Vorarbeiter fehlt. Die andere Seite dieses Problems: einige Bauern fahren wegen Erntearbeiten auf den Feldern einfach nach Hause, dadurch kommt es zu zeitlichen Verzögerungen der Arbeiten.
Die angeheuerten Wanderarbeiter hausen oft in primitiven Zelten unter primitivsten Verhältnissen.

3. Tunnelarbeiten

  a) Tunnelsprengungen werden hier noch quasi per Hand gemacht: es werden 2 m tiefe Löcher in den Fels gebohrt, die mit Sprengstoff gefüllt werden. Nach der Sprengung wird sofort ein Stahlgerüst eingezogen, das mit Beton zugegossen wird, um ein Nachrutschen des Gesteins zu verhindern - so arbeitet man sich Meter um Meter nach vorne. Problem bei den Tunnelarbeiten: Es handelt sich nicht um ein gleichmäßig festes Gestein, sondern es gibt Hohlräume, Höhlen, Grundwasser, durch das Gestein sickerndes Wasser - mit all diesen Gegebenheiten muss unterschiedlich umgegangen werden. Die Chinesen jedoch neigen dazu, wenn irgend möglich, alles nach einem bestimmten Standardschema zu machen, ohne die unterschiedlichen örtlichen Gegenenheiten zu berücksichtigen.

In hügeligem Gelände müssen als erstes die Tunnel fertig gestellt werden, da diese als Transportwege dienen für die Straßenteile, die auf die Brückenpfeiler gelegt werden.

Wir fuhren zu einem Tunnel, der schon mehrmals zusammengebrochen ist (wie beruhigend), weil
- das aus dem Fels austretende Wasser nicht sachgemäß abgeleitet wurde oder
- der zwischen Stahlgerüst und Fels bestehende Raum nicht komplett mit Beton ausgefüllt wurde und sich in diesem Zwischenraum Wasser ansammelte, das den Beton aufweichte oder
- Anker, die in den nicht so stabilen Fels eingehauen werden müssen, nicht gesetzt (aber berechnet) wurden oder
- der Beton nicht richtig gleichmäßig aufgespritzt wurde.
- Drainagen für das sich ansammelnde Wasser, das für die Stabilität des Tunnels extrem wichtig ist, werden zwar angelegt, aber sie funktionieren nicht. So ist ein Tunnelbruch absehbar.
- Die im Tunnel arbeitenden Arbeiter verstehen von Tunnelbau in der Regel nichts, kompetente Vorarbeiterfehlen, chinesische Ingenieure kontrollieren zu selten und wenn sie einen Fehler sehen, sagen sie nichts, damit die Arbeiter ihr Gesicht nicht verlieren.
- Ausbesserungen werden zwar oft vorgenommen (damit die Baustelle optisch perfekt aussieht). Jedoch selbst nach chinesischen Gesetzen sind aus Sicherheitsgründen Ausbesserungsarbeiten verboten: es muss abgerissen und neu gebaut/gegossen werden. Das verhindert aber die Kumpanei zwischen Baufirmenboss und Ingenieuren. Da wird von den Bossen zum gemeinsamen Essen und vor allem Trinken eingeladen, dann werden Umschläge (Geldgeschenke) verteilt und geschlussfolgert, dass die Fehler (eigentlich waren es ja auch keine Fehler) auch nicht gravierend sind - und nichts passiert, außer das munter mit den gleichen "Nicht-Fehlern" weitergebaut wird. Man kann an sowas wirklich verzweifeln.
Es gilt: Chinesen machen keine Fehler und wenn sie welche machen, sind sie zu vernachlässigen. Fraglich für die deutschen Ingenieure ist auch, inwieweit sie ihren Übersetzern trauen können oder inwieweit sie in dem Korruptionskreis bereits drinstecken.

Das zentrale Problem ist, dass auf diese Mängel hingewiesen wird, die Chinesen mit ernstem Gesicht versprechen, den Fehler zu beheben, aber nichts dergleichen passiert. Da bleibt den deutschen Supervisoren oft nur übrig, die Mängel detailliert in ein "Kontrollbuch" einzutragen, um sich selbst abzusichern. (Die in Deutschland ansässige db-international ist nicht an der im Ausland durchgeführten Arbeit interessiert, also auch keine Hilfe.


  b) Um die Hohlräume, die entstanden sind, weil nicht genug Beton zwischen Fels und Stahlträger gepresst wurde, zu untersuchen (das hatten die deutschen Supervisoren angeordnet), gibt es spezielle, in den USA entwickelte Detektoren, für deren Bedienung und Auswertung eine besondere Ausbildung notwendig ist. Die Chinesen haben die Detektoren (abgekupfert) und jeder kann die bedienen und interpretieren, mit der Konsequenz, dass alle Hohlräume unbedenklich sind. Toll!!

   c) Für die Tunnelsprengungen gibt es in China ein bestimmtes System, das eingehalten werden muss, um ein runterbrechen von Gesteinsschichten zu verhindern. Dises Schema ist gut sichtbar an einer Schautafel angebracht. Wird nach diesem System gearbeitet??? Nein, denn es ist zu zeitaufwendig! Das Geld dafür wird kassiert und untereinander aufgeteilt! Gute Idee, oder? Bis jetzt ist ja schließlich noch nichts Schlimmes passiert, kein Mensch zu Tode gekommen. Und die Bezahlung ist ja auch aufbesserungsfähig.

  d) Die Sicherheitsvorschriften, die selbst in China für Sprengungen gelten, werden natürlich auch nicht eingehalten: niemand kümmert sich darum, ob bei der Sprengung tatsächlich alle Arbeiter weit genug vom Sprengort entfernt sind, die nach der Sprengung vorgeschriebene Lüftung (damit die giftigen Gase abziehen) wird nicht oder viel zu kurz eingeschaltet. Die meisten Arbeiter kennen diese Vorschriften auch nicht und setzen sich nicht zur Wehr, sondern arbeiten in der gesundheitsschädlichen Luft knurrend weiter.

4. Auch die Vorschriften, die für das hiesige Erdbebengebiet gelten, werden nicht besonders ernst genommen. Wenn sich der Berg ordentlich bewegt und ein Tunnel nicht mehr sicher ist, muss er eben gesperrt werden.

5. Brücken Freivorbau. Muss eine Brücke zB über eine schon bestehende Eisenbahn- oder Autobahntrasse gebaut werden, werden auf beiden Seiten der Trasse je die Brückenpfeiler parallel zur Trasse fertig gestellt und dann zueinandergedreht (die Pfeiler liegen auf einem riesigen Kugellager, das nach erfolgreicher Drehung mit Beton zugegossen wird).
Diese Fertigung der Kugellager und die letztendliche Drehung der Brückenpfeiler wird von Fachkräften aus dem einzigen chinesischen Werk getätigt, das solche, dieser riesigen Belastung ausgesetzten Bauteile herstellen kann; diese Arbeiten werden auch sehr kompetent erledigt.
Es darf nur kein Parteibonze dazwischen reden; viele dieser Figuren halten sich als Mitglied der KPCh in fachlichen Fragen jeglicher Art für kompetent.

Die Probleme bei den Brückenpfeiler sind im Vergleich zu denen beim Tunnelbau relativ gering, auch die Erdarbeiten machen nicht die riesigen Probleme.

6. Ganz elementar entscheidend ist, dass die Trasse bei der Eröffnung gut aussieht (die Fassade muss stimmen) und alles glänzt und strahlt. Wie lange dieser Glanz hält und was sich hinter der Fassade verbirgt, ist nicht wichtig. Denn wenn in einigen Jahren wegen der Baumängel die vorgesehene Geschwindigkeit von 350 km/h nicht mehr eingehalten werden kann, war die pompöse Einweihung längst gewesen. Dann fahren die Züge eben nur noch 150 km/h - ist doch auch schon ziemlich schnell oder? Und reden oder schreiben tut hier sowieso niemand über solche Veränderungen (Pannen darf man das ja nicht nennen).

7. Was die Menschen an Geräuschverschmutzung erdulden müssen, interessiert kaum jemand. Was die teilweise sehr dicht an der Bahntrasse stehenden Gebäude an Schäden zB durch den Sog der Hochgeschwindigkeitszüge erwartet, ist den Betroffenen ziemlich unbekannt. So steht direkt an der Trasse ein neu erbauter buddhistischer Tempel, in dem ein großes Gebäude für die Aufbewahrung der Totenasche errichtet wurde (die Preise hierfür liegen zwischen 875,-€ und 5.000,-€) - die Asche wird ganz schön ins Vibrieren kommen.
Diese Sogwirkung wirkt beispielsweise auch auf die Tunnelwände. Sind diese nicht stabil gebaut, reisst es Stücke aus den Wänden, die wie Wurfgeschosse durch die Gegend fliegen - schönes Abenteuer für die Reisenden!
Einige der wenigen Sachen, die für die Betroffenen gut funktionieren, sind Ausgleichszahlungen für die Bauern, deren Land für die Bahntrasse genutzt wird, da die Behörden jeglichen Protest verhindern wollen.

8. Die Trassenfertigteile, die auf die Pfeiler montiert werden, werden für die gesamte Strecke von drei verschiedenen Baufirmen angefertigt, die mit ungeheurem Aufwand ihre Fabrikationshallen herstellen mussten. Ist die Trasse fertig gestellt, kann die Baufirma ihre Sachen zusammenpacken und zusehen, dass sie irgendwo anders weitere Trassen fertigen kann. Das ehemalige Ackerland ist erstmal ziemlich versaut und bis auf Weiteres für den Ackerbau unbrauchbar.


9. Korruption. Einige der deutschen Ingenieure sind schon lange dabei, einige kürzer, einige haben wenig Auslandserfahrung, andere haben schon in mehreren Ländern gearbeitet. Die auslandserfahrenen Ingenieure sagen, sie hätten in keinem anderen Land (wie zB Indien, Südkorea, Afrika) so viel und durch alle Gesellschaftsschichten durchgehende Korruption, Betrug und Lügen erlebt wie in China.

Thema Korruption: Um zB auf eine gute private Mittelschule aufgenommen zu werden, muss man gute Zensuren haben, um eine Aufnahmeprüfung machen zu dürfen. Hat man Beziehungen, darf man auch mit nicht so guten Zensuren an der Aufnahmeprüfung teilnehmen. Besteht man sie nicht, darf man trotzdem auf diese Schule gehen, wenn man 200.000 Rmb (ca. 22.000 €) bezahlt.

In einer Schule bietet ein Lehrer den Service an, der Mutter jeden Morgen eine SMS zu schicken, dass ihr Kind heil in der Schule angekommen ist; der Lehrer will dafür pro Monat 15 €. Als diese Meldungen plötzlich ausbleiben, behauptet der Lehrer, er habe das Geld, das ihm gewöhnlich vom Schüler in einem geschlossenen Umschlag überreicht wird, nicht erhalten. Daraufhin setzt man sich nicht zusammen und bespricht die Angelegenheit, nein, die Mutter entschuldigt sich beim Lehrer wegen der Panne, gibt ihm erneut einen Umschlag und einen weiteren als Entschuldigung. Kritik oder Zweifel am Lehrer scheinen hier undenkbar.

Will man eine (sehr begehrte) Stelle bei der Regierung haben, reicht die Qualifikation nicht aus: auch da wied gehörig zur Kasse gebeten.
Xi Jiping hat zwar, besonders in dem Bereich der beim Staat Angestellten, den Kampf gegen die Korruption und die Abschaffung von Privilegien aufgenommen, jedoch: wird etwas in einem Bereich verboten, findet sich sofort ein Schlupfloch, um auf anderem Wege an dieselbe Begünstigung zu gelangen.
Privilegien von Beamten: ihnen wird guter Wohnraum zu sehr günstigen Konditionen (=Preis: ein Drittel des offiziellen Marktwertes) angeboten, sie sind krankenversichert, rentenversichert, sie können nach 30 Dienstjahren aufhören zu arbeiten.

So, das ist China von einer Seite, von der man als Auslandsstudent an der Uni in dieser Form meist nicht erfährt. Im Übrigen ist hier jetzt offensichtlich die Regenzeit sehr intensiv ausgebrochen, was natürlich für die Natur ein Segen ist - mich erfreut das weniger. Zwar ist die Hitze deutlich geringer, aber der beständige Regen verhindert meine Aktivitäten doch sehr stark.

Euch weiter einen schönen Sommer und herzliche Grüße

                                                                                    Steffi

                                                                   

Chongqing - Oujia - Guan'an

Montag, 16.06.2014

Diesmal geht's um eine Reise, die mich nach Chongqing, Oujia, Guan'an führte und von der ich Euch einige Eindrücke wiedergeben möchte.

Dieses Chongqing ist das ein Dorf, eine Stadt, eine Gegend?? Ja, wer kennt schon Chongqing? Kaum zu glauben, Chóngqìng ist die grösste Stadt Chinas (vielleicht sogar der ganzen Welt). Sie ist als sog. regierungsunmittelbare Stadt direkt der chinesischen Regierung unterstellt. Die Einwohnerzahl beträgt ca. 30 Millionen. Die Fläche des Stadtgebietes entspricht ungefähr der Größe von Österreich und besteht überwiegend aus Gebieten mit ländlicher Siedlungsstruktur. Im Stadtkern von Chongqing leben etwa 4,3 Millionen Menschen. Der Ballungsraum (einschließlich Vororten) hat ca. 9 Millionen Einwohner.

Chongqing liegt auf Hügeln am Zusammenfluss von Yangtse und Jialing im Süden von China in der Nähe des Dreischluchtenstaudamms. In der Stadt herrscht subtropisches Klima: im Sommer ist es heiß, schwül und neblig, in der Winterhälfte des Jahres wird es bei milden Temperaturen auch sehr neblig. 1938, nachdem Chiang Kai-shek von den Japanern aus Nanjing vertrieben worden war, bot Chongqing als "Nebelstadt" seiner Regierung ein ideales Rückzugsgebiet, um die Attacken der Japaner aus der Luft zu überstehen; Chongqing wurde die provisorische Hauptstadt der Guomindangregierung.

Chongqing ist zwar eine moderne Stadt, die Region hatte aber bereits in der sog. Shang-Dynastie (1600–1100 v. Chr.) eine große Bedeutung.

Wie ich ausgerechnet in die schwüle Nebelstadt komme? Ich wurde von einer jungen Chinesin, Yasmine, eingeladen, ihre Familie und Heimatstadt kennenzulernen. Und um dahin zu gelangen, führt der Weg über Chongqing. Und wie kommt man von Kunming nach Chongqing? Mit dem Flieger oder dem Zug - diesmal habe ich mich für den Zug entschieden, einen Nachtzug, 18 Stunden, das geht ja gerade noch. Allerdings: der Nachtzug, für den ich einen schönen Schlafplatz unten (wie bei uns: drei Liegen übereinander) hatte, ist ausgefallen, ersatzlos gestrichen!! Der Ersatz: im Nachmittagsnachtzug ein Schlafplatz oben (!)  (dieser Zug brauchte 24 Stunden bis nach Chongqing) - eigentlich gab es keine Alternative.

Um in den Bahnhof zu gelangen: Erstmal riesiges Polizeiaufgebot und Kontrolle (wegen des Attentats im März). Im Bahnhof (53 Gleise) selbst gibt es fünf riesige Wartesäle, Verkaufszeilen wie am Flughafen. Man wartet in dem für den Zug vorgesehenen Wartesaal, bis der Zug aufgerufen wird (fünf Minuten vor Abfahrt wird man nicht mehr auf das Gleis gelassen), nochmals Kontrolle, dann kann man runter auf das Gleis, auf dem der Zug (17 Waggongs) bereits steht. Vor jedem Waggon nochmal Kontrolle desTickets, dann geht man zu dem entsprechenden "Abteil"; das oberste Bett ist wirlich sehr hoch (höher als bei uns). Abteil und Gang sind nicht durch Trennewände abgetrennt, alles eins. Unten kann man ganz gut auf dem Bett sitzen, für die Mittleren und Oberen bleiben außer liegen nur zwei Sitzplätze am Fenster oder eben auch das untere Bett.
Pünktlich und lautlos geht es dann los. Ansagen auf den Bahnsteigen gibt es nicht, nur innerhalb des Zuges. Der Zug fährt nicht sehr schnell.

Service im Zug: Man bekommt kostenlos heisses Wasser, es werden Obst und Getränke verkauft.

Pünktlich um 18 Uhr startet die Abendessenszeit, Fertiggericht werden angeboten oder man packt seine Instantsuppen aus (heisses Wasser gibt es ausreichend), überall wird geschlürft und gemampft. Nebenbei: die Chinesen sind, was ihr eigenes Essen betrifft sehr sauber, nichts wird mit den Händen angefasst (dazu gibt es die Stäbchen), alles Eßbare ist in Plastik verpackt und man drückt die Sachen von unten aus dem Plastik raus direkt in den Mund oder man zieht einen Pladtikhandschuh über, um dann das Essen anzufassen (allerdings dienst der Plastikhandschuh sicher auch dazu, die eigenen Hände nicht schmutzig zu machen.). Obst wird immer gewaschen (allerdings mit Wasser, das als nicht zum Trinken geeignet deklariert ist).
Zwischen den Mahlzeiten wird geklönt, sich mit dem Handy beschäftigt, gestickt, telefoniert oder geschlafen. Pünktlich um 22 Uhr geht das Licht aus. Die Betten sind schmal, hart und umbequem, aber Schlafen ist möglich. Der Zugverkehr ist oft einspurig, dh man wartet, bis der Gegenzug durch ist.

Neben den Bahngleisen ist ein schmaler Streifen für die Kontrolle der Gleise vorgesehen; Kinder nutzen ihn als Schulweg oder Erwachsene als Weg zur Arbeit.


Wieder viel Landwirtschaft: Reis, Mais, Gurken- oder Zwiebelgewächse und eine Menge an Pflanzen, die ich nicht zuorden kann. Vor allem beim Mais fällt auf, dass sich die Reife der Pflanzen in verschiedenen Stadien befindet. Die Reispflanzen stehen meist noch in Wasser, sind aber schon ca. 20 cm hoch. Dazwischen tummeln sich kleine weisse Kraniche und Entenfamilien. Vereinzelt sind auch grasende Ochsen zu sehen. Wenige Menschen arbeiten auf den Feldern, vorwiegend auf den kleinen, die unseren Schrebergärten ähneln.

Mir scheint, Sichuan - da sind wir inzwischen angekommen - ist nicht so trocken wie Yunnan: viele kleine Bäche, Flüßchen, kleine Seen. Scheinbar hat es in der Nacht geregnet, einige Dächer scheinen so konstruiert zu sein, dass die Flachdächer als Wasserreservoirs genutzt werden. ??

Häuser in Gleis- oder Bahnhofsnähe wirken oft sehr runtergekommen, abrissreif, stehen leer oder werden als Lager genutzt. Dächer sind notdürftig mit Plastikfolien abgedichtet. Auch hier wird oft jeder Zentimeter zum Anbau von Pflanzen genutzt oder verunkrautet. Auffallend ist, dass völlig verdreckte, abrissreife Gebäude in unmittelbarer Nähe zu sehr gepflegten Anlagen stehen.

Das Frühstück ist zeitlich nicht so festgelegt, wie das Abendessen: einige frühstücken gar nicht, bei vielen gibt's Instantsuppen; als Frühstück werden Mantous (weiche Reis- oder Mais "brötchen") im Zug verkauft, die meisten Reisenden verspeisen allerdings selbst mitgebrachte Sachen.
Die Zugfahrt ist wirklich ziemlich lang - noch sechs Stunden.

Regen in Chongqing aber gleichzeitig schwül, wie sollte es auch anders sein. Yasmine steckte irgendwo im Stau - also weiter warten. Danach sehr leckeres Hotpotessen (ähnelt unserem Fleisch-/Gemüse-fondue), das ist die besondere Spezialität in Chongqing - natürlich sehr scharf!
Und dann auf zur Jugendherberge. Die liegt am Jianlingfluss, tolle Lage. Abends sind wir dann nochmal los zum Fluss, dem Teil, wo Yangze und Jiangling zusammenfliessen. Beeindruckend das viele Wasser, die Abendbeleuchtung. Erstaunlicherweise waren wenig Menschen unterwegs, was ich als ganz angenehm empfand - vielleicht wegen der am Sa/So stattfindenden Gaokao Prüfungen, die über die Zulassung zum Unistudium entscheiden, also extrem wichtig! Die ganze Nation ist in Aufregung und fiebert mit. An diesen Tagen ist das Hupen in der Nähe der Schulen verboten (Hupen ist eine Leidenschaft der Chinesen!), Springbrunnen werden nicht eingeschaltet, die Schüler werden von den Eltern mit Energydrinks und Lieblingsspeisen versorgt, Amüsements sind zumindest stark eingeschränkt und dergleichen mehr. Sind die Tage vorbei, müssen di Schüler noch ca. sechs Wochen auf die Ergebnisse warten. Man kann die Prüfungen bestehen oder durchfallen. Besteht man sie mit sehr guten Noten, kann man die Elite Unis in Beijing oder Shanghai besuchen, sind die Noten nur gut,bleiben die Unis in den anderen Städten und sind die Ergebnisse durchschnittlich, bleiben die Colleges.


Am nächsten Tag Besichtigungsprogramm, von Yasmine zusammengestellt, nach den Dingen, die sie für wichtig erachtet (dazu gehören keine Tempel!). Zuerst zur Gedenkstätte für die kommunistischen Märtyrer, die von der Guomindang vor deren Flucht vor den kommunistischen Siegern alle noch erschossen wurden und die davor in Geheimgefängnissen gefoltert wurden, sowie deren Grabstätten.


Am Nachmittag trafen wir eine ihrer Freundinnen, mit der wir in das noch erhaltene (hochtouristisierte) Altstadtviertel gingen - vor lauter Leuten war kaum was zu sehen! Dort gab es ein "Steinemuseum", in dem Steine mit besonderer Form oder Maserung ausgestellt waren, ganz witzig.
Danach haben sie mir noch das chinesische Disneyland gezeigt - ich glaube, sie waren von meiner Begeisterung etwas enttäuscht. Danach, es wurde bereits dunkel, fuhren wir mit dem Boot zurück - sehr eindrucksvoll.
Der nächste Tag sollte mit Musik- und Wasserspielen beginnen, die aber wegen der Gaokao-Prüfungen ausfielen. Inzwischen waren zwei andere Freunde von Yasmine zu uns gestoßen und weiter ging's zur "Großen Halle des Volkes" und dem "Drei-Schluchten-Museum". In letzterem wurde auf die historische Bedeutung der Drei Schluchten Gegend aufmerksam gemacht, sowie deren Naturschönheit. Die "Große Halle des Volkes" wurde 1955 gebaut, in Anlehnung an den Tian'anmen Square und den Tempel des himmlischen Friedens. Sie dient Parteigongressen und kulturellen Veranstaltungen, wie Gastspielen (Konzert, Ballett etc.).


Danach haben wir uns auf den Weg gemacht zu dem Wagen, der uns zu Yasmines zu Hause in Oujia bringen sollte - so dachte ich zumindest. Die Realität sah dann so aus: Autobahnfahrt, plötzlicher Stopp (inzwischen war es stockdunkel geworden), aussteigen, über die Absperrungen  auf die andere Seite der Autobahn klettern, dort eine Stelle suchen, wo man die Böschung runter kam und siehe da, dort wartete ihr Bruder mit dem Moped auf uns. Wir beide also samt dem ganzen Gepäck auf das Moped (wobei ich mich peinlich dämlich angestellt habe) und los gings. Zu Hause - das Elektrogeschäft der Eltern - erwartete uns das Abendessen, sowie Freunde des Vaters. Danach ging's in das noch sehr unfertige neue Haus der Eltern; immerhin Elektrizität und Toilette funktionierten. Duschen/Waschen wie ich es von der Mongolei kannte, allerdings nicht in freier Natur: den Körper mit (warmen!) Wasser übergießen, das dann direkt in die Toilette floss.

Am nächsten Tag leider Dauerregen. Das Haus liegt nah an einrm Bach, inmitten von Reisfeldern und Gemüseanbau, aber auch hier fehlt die Autostraße nicht, über die mit viel Getöse die Autos und Mopeds daherbrausen. Aber immerhin gibt es auch viel Vogelstimmen, unter anderem Pirol und Kuckuck.
Der Dauerregen hat sich den ganzen Tag penetrant gehalten, sodass nichts weiter blieb als Internet und Fotos begucken und am täglichen Leben der Familie ein wenig teil zu haben.
Vieles  nach unseren (selbst meinen ) Begriffen doch recht ungewohnt: die angemietete und als kombi Verkaufs- und Wohnraum genutzte Wohnung ziemlich chaotisch - allerdings geordnetes Chaos, indem die Familienmitglieder das zu finden scheinen, was sie suchen. Material, Werkzeug und Privates sind kräftig miteinander vermischt. Solange zB noch gekocht werden kann, spielt es keine Rolle, was wo auf dem Boden rumsteht. Solange das Bett auf dem die Eltern schlafen, noch zugänglich ist, spielt es keine Rolle, was drum herum an Kartons, Material o.a. (oft bis an die Decke) gelagert ist. Verpackungsmaterial wird überall "gehortet" und gelagert. Dazwischen wird auch gekocht, alles sehr, sehr sauber (mehrmals wird das Gemüse gewaschen), Waschwasser wird auf den Hof abgeleitet, einiges marschiert auch direkt über den Balkon auf den Hof. Dort laufen Hühner, Vögel umher, Gänse auch (allerdings eingesperrt). An den Hof grenzen noch andere Grundstücke und Häuser sowie Reisfelder und Bohnenpflanzen.
Gegessen wird so, wie es in China üblich ist: was nicht geschluckt wird, wandert auf den Tisch, um schneller essen zu können, wird geschlürft. Auf dem wackligen Tisch stehen die verschiedenen Speisen in Schüsseln und Schälchen, aus denen sich jeder bedient und das nimmt, was er essen will - also das Problem "iss deinen Teller leer" gibt es in China so nicht. Die nicht leer gegessenen Schüsseln bleiben auf dem Tisch stehen, werden mit einem großen Sieb (gegen die Fliegen) abgedeckt und an die Seite geschonen, sodass der Tisch auch für andere Dinge, wie Laptop, genutzt werden kann. Abgewaschen wird mit kaltem Wasser (das ist hier wohl allgemein so üblich), abgetrocknet wird nicht, das Geschirr und die Stäbchen nass in den Schrank gestellt - trocknet ja von alleine.
Im Kontrast zu dieser "heruntergekommenen" Wohnung ist der Entwurf für das neue Haus: große Räume, weiß verputzt, edler Fußboden, moderne Küchenzeile (erst im Rohbau vorhanden).

Familienleben. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei der Familie um eine Handwerkerfamilie handelt, bei  der Arbeits- und Privatleben nicht getrennt sind. So sind zB die Mahlzeiten, die durchaus als gemeinsame geplant sind, durch die Anforderungen der Arbeit beschnitten: gemeinsamer Anfang oder Ende des Essens klappen nur solange, wie kein Kunde auftaucht oder kein Auftrag eingeht. Es gibt zwar feste Essenszeiten, aber in den kleinen Geschäften keine Mittagsschließzeit. Wenn also während des Essens ein Kunde auftaucht, springen mindestens zwei Leute auf. Wer was zu erledigen hat, steht vom Essen auf, sagt zu den anderen "esst langsam weiter" und dann ist er verschwunden.

Der folgende Tag war der Geburtsstadt Deng Xiaoping, Guang'an, gewidmet. Deng, der Nachfolger Maos, hat China zum Westen hin geöffnet und so Chinas wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht, wofür er von vielen Chinesen in den höchsten Tönen gepriesen wird. Er hat andererseits aber auch 1989 auf dem Tian'menplatz die Demokratiebewegung mit Panzern erstickt und ist für viele Todesopfer verantwortlich - das allerdings wird in China totgeschwiegen und in den Schulen nicht erwähnt.

Bei der Fahrt dorthin, mussten wir umsteigen, die beiden Bushaltestellen waren ziemlich weit auseinander. Was war zu tun, wenn man nicht zu Fuß gehen wollte? Genau, für diese kurze Strecke bot sich natürlich ein Motorradtaxi an. Also wir beide hinten drauf und los ging's.

Dengs Geburtsstadt, Guang'an, ist ganz in der Nähe, dort sind das elterliche Wohnhaus, inklusive Einrichtung zu sehen, sowie Utensilien, die zur Seidenraupenzucht benötigt werden und ein Teil der Maulbeerbaumplantage, auf der auch Deng als Jugendlicher gejobbt hat. Dengs Vorfahren waren höhere Beamte im Dienste der Qing Dynastie und betrieben nebenher auch Landwirtschaft, insbesondere Seidenraupenzucht. Eine Deng-Gedenkhalle wurde gerade für seinen 110. Geburtstag fit gemacht und war geschlossen.
Das gesamte Gelände stand voll auffallend vieler Bäume - das hat folgende Bewandtnis: Deng hatte am 12.3. den Tag des Baumes festgelegt, an dem in ganz China immer Bäume gepflanzt werden sollen, er selbst ging natürlich mit gutem Beispiel voran. Jeder Politiker nun, der etwas auf sich hält, pflanzt daher zu Ehren von Deng einen Baum auf dem Areal seiner Gedenkstätte und zwar wirklich einen Baum, ausgewachsen und groß (genauer gesagt, wird also ein Baum umgepflanzt), nicht ein kleines Bäumchen - mit ungeheurem Aufwand und natürlich einem unübersehbaren Namensschild!

Inmitten der Stadt war ein riesiger Platz, der sich bis auf einen kleinen Hügel hinaufzog, mit Springbrunnen und Kaskaden, der inzwischen auch ihm gewidmet war. Von der Spitze des Hügels hätte man eine wunderbare Aussicht, wenn nicht tagtäglich die Weitsicht durch starken Dunst/Nebel verhindert wäre.


Am nächsten Tag war Markttag. Dort wurden neben dem bekannten Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und lebendigem Federvieh, Tabakblätter, noch frische tausendjährige Eier, viele für die Gegend typischen, scharfe Gewürze angeboten. 

Tausend- (auch  hundert-) jährige Eier sind durch Fermentation konservierte Hühner- oder Enteneier. Zu deren Herstellung werden rohe Eier für etwa drei Monate in einem Brei aus Anis, Szechuanpfeffer, Teeblättern, Piniennadeln, Fenchelkörnern, Salz, warmem Wasser, gebranntem Kalk, Holzasche sowie Sägespänen eingelegt. In dieser Zeit verwandelt sich das Eiklar in eine gelatinöse, bernsteinfarbene Masse, das Eigelb verfärbt sich grün. Tausendjährige Eier sind ungekühlt monatelang haltbar (bis zu 3 Jahre sind möglich). Serviert werden sie als Vorspeise oder Snack mit Sojasauce, Essig und Ingwer. Es heißt, dass der Ursprung des Gerichtes in der Ming-Dynastie (vor 600 Jahren) liegt.  

Dann gings weiter zu einem buddhistischen Tempel, der in der Tangzeit (ca. 700 n. Chr.) erbaut und während der Kulturrevolution ziemlich beschädigt wurde, aber inzwischen weitgehend renoviert ist. Er liegt wunderschön auf der Mitte eines Berges. Da wenig Besucher da waren, konnten wir die ruhige Atmosphäre genießen.

Dann kam auch schon der letzte Tag, Frühstück bei der 94-jährigen Großmutter, die mit einem ihrer Söhne nebst Ehefrau in dem Haus wohnt, in dem Yasmine aufgewachsen ist. Die drei leben quasi im Kiekebergmuseum (einem Museumsdorf in der Nähe von Hamburg), nur ist es weniger gepflegt und droht an vielen Stellen zu verfallen. Das Haus ist einstöckig mit großem Dachbodenspeicher, die Drei wohnen zusammen mit den Hühnern, die in einer Ecke einen abgetrennten Breich haben und zwei Schweinen, die im Nebenraum grunzen, zusammen; eine Entenfamilie lebt separat. Die Drei betreiben noch Landwirtschaft: Mais, Reis, Bohnen, Wasserspinat, Süßkartoffeln u.a..
Zurück durch Reis- und Maisfelder. Die Ochsen, die man hier grasen sieht, werden genutzt, um vor dem Pflanzen von Reis und Mais die Felder umzupflügen.


Es ist wirklich toll, was ich erlebt habe und ich bin tief beeindruckt, wie anders Familienleben in China ist, selbst wenn es in anderen Familien ganz anders aussehen kann - so, wie es auch bei uns viele Formen des Familienlebens gibt. 

Nun heisst es: zurück in den Kunminger Alltag und die letzten Uniwochen absolvieren und dann ..., ja dann gehts schon wieder (endlich) zurück in den deutschen, Lüneburger Alltag.
Also, die Zeit, bis wir uns wieder sehen und persönlich miteinander klönen können naht mit Riesenschritten.

Bis dahin alles gute und herzlichen Gruß                       Steffi

Faust in Kunming???

Mittwoch, 04.06.2014

Dieser Blogeintrag ist etwas außer der Reihe, aber es wird -  außer meiner notorischen Klage über die Hitze, mit der ich zunehmend schlechter klar komme - auch von einem ganz besonderen "Event" die Rede sein.

Ihr werdet es nicht glauben, vor einer Woche habe ich mir in Kunming eine Aufführung von Goethes "Faust" angesehen - auf deutsch. Auch ich habe nicht schlecht gestaunt, als ich die Einladung erhielt. Das kam so:
Im Rahmen des zwischen der chinesischen und deutschen Regierung vereinbarten Deutsch-Chinesischen Sprachenjahres 2014 reist auf Einladung der Generalkonsulate in China der Schauspieler Haydar Zorlu durch Südchina und gibt Aufführungen an den Universitäten/Colleges, an denen Deutsch studiert werden kann. Zorlu ist Deutsch-Türke, lebt und arbeitet in Köln und Istanbul. Er hat Goethes "Faust" so bearbeitet, dass er als alleiniger Schauspieler in die verschiedenen Rollen - wie Faust, Mephisto, Gretchen u. a. schlüpft und teilweise auch als Erzähler fungiert.
Mit dieser Aufführung ist er bereits in vielen deutschen und türkischen (dann spricht er alles auf türkisch) Städten aufgetreten und hat ganz gute Kritiken bekommen.


Die Sprache der Aufführung war hier deutsch, der deutsche und der chinesische Text konnte in Untertiteln (wurden an die Wand projiziert) mitgelesen werden. Zorlu hat in einem zweitägigen Workshop mit den Studentinnen, die an einem Kunminger College Deutsch studieren (das sind hier fast nur Frauen), das Theaterstück erarbeitet und an einigen Stellen, wo er als Erzähler auftritt, die Studentinnen den chinesischen Text sprechen lassen. Schon beeindruckend, wie er es geschafft hat, dass die gewöhnlich sehr leise sprechenden, sehr zurückhaltnd auftretenden jungen Frauen laut und deutlich und sicher auftretend die Texte vorgetragen haben.
Das "Drumherum" um die Aufführung war sehr wie ein "Happening" gestaltet mit vielen, vielen Fotos, das fand ich weniger passend, aber die Atmosphäre war dadurch sehr locker. Der Inhalt des Stückes kam gut rüber - zumindest ich empfand es so. Wie es für die Chinesen war, weiss ich nicht so genau, wobei es für die an der Aufführung beteiligten Studentinnen sicher noch anders war als für die "nur" Zuschauer.

Wie ich überhaupt zu der Einladung kam?? Außer mir gibt es noch etliche andere Deutsche, die hier in  Kunming unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, u.a. die am College Deutsch unterrichtenden Lehrkräfte. Diese sind offiziell beim Generalkonsul in Chengdu registriert und versuchen, deutsche Kultur etwas mehr in die Öffentlichkeit zu tragen. Da diese Reise nun geplant war, und Kunming eher weniger im Rampenlicht steht, war dies eine gute Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit. Zu selbigem Anliegen gehört auch ein von diesen Lerhkräften gegründeter "Deutscher Stammtisch", der in dem Kunminger Expatanzeiger "Gokunming" (online) angekündigt wurde. In dieses Onlineblatt werfe auch ich ab und zu einen Blick.
Von dem Stammtisch habe ich mir nicht wirklich viel versprochen, doch ich fand es dann doch ganz interessant, von den Erfahrungen der anderen zu hören und auch etwas tröstlich, dass ich nicht die Einzige bin, die mit der Sprache nicht so locker klar kommt, wie die jungen Studenten.

So kam ich also in den Verteiler und damit an die Einladung zu Goethes Faust.

 

Ich wünsche Euch schöne Pfingsttage (das ist mir man gerade noch eingefallen), bitte nehmt mir was von der Hitze ab und seid herzlichst gegrüßt,

Steffi

Ab in den südlichsten Zipfel von Yunnan

Sonntag, 25.05.2014

Zugegeben, diese Reise liegt schon ein bißchen zurück (genauer gesagt vier Wochen), aber erwähnenswrt ist sie allemal. Diesmal ging's mit einem kleinen Flieger los, der vom Kunminger Wind ziemlich durchgeschüttelt wurde; aber immerhin innerhalb einer Stunde war ich in Jinghong, der Hauptstadt von Xishuangbanna - mit dem Bus wären es ca. 8 Stunden gewesen. Der Flughafen ist zwar der zweitgrößte in Yunnan, aber immerhin so gestaltet, dass man bei der Ankunft noch über das Flugfeld gehen kann.
Ich wußte zum Glück, was mich dort erwartete: 39-40 Grad - ufffff, kaum auszuhalten. Da ich befürchtete, dass die Temperatur noch steigen wird, bin ich bei der Reise nach Xishuangbanna, der südlichsten Provinz von Yunnan, geblieben. Sie soll bereits ein sehr thailändisches Flair haben, denn Xishuangbanna grenzt an Thailand und die größte Gruppe der dort lebenden Minderheiten (30%), sind die Dai (oder Thai). Weitere 30% sind Han und die restlichen sind Hani, Yi, Lahu und viele andere.

Sobald ich die klimatisierte Flughalle verlassen hatte, umhüllte mich die Schwüle. Mit dem Taxi zur Jugendherberge - einen Busshuttle gibt es nicht. Schon die ersten Häuser zeigten die typische Dai-Bauweise: überall sind Giebeltürmchen auf die Dächer gesetzt, egal wie hoch die Häuser sind - es sind davon abgesehen auch nicht die mir von Kunming bekannten Wolkenkratzer, sondern eher Gebäude unter zehn Stockwerken. Die Hauptstraßen sind auch vierspurig, daneben Zweiradatreifen. Dazwischen hohe Palmen und eine Art in Pastelltönen angemalte, mit buddhistischen Mustern verzierte Amphoren - ein ganz anderes Flair, weniger Hektik, andere Vogelstimmen, Blütenfarben - es ist eben richtig südländisch. Überall werden Ananas, Mangos und Melonen angeboten, billiger scheint mir das Obst nicht zu sein, ich habe eher den Eindruck, bei meinem westlichen Gesicht gehen die Preise ordentlich in die Höhe.

Einige Uterschiede fallen gleich auf: Kein McDonald, allerdings KFC, aber nicht so dominant im Straßenbild wie in Kunming; kein Carrefour oder Walmart (amerikanische Kaufhauskette). Die Verkehrsregeln scheinen hier ernster genommen zu werden, ich falle richtig auf, wenn ich mich, wie gewohnt, bei Rot auf die Kreuzung begebe. Mir scheint, je kleiner die Städte, desto mehr (echte) Motorräder gibt es.
Auch die Mode ist anders, deutlich mehr thailändische Muster bei den Kleidern der Frauen (vor allem Blumen und sehr bunt). Mein Eindruck ist ferner, dass es hier mehr Läden für Männermode gibt als in Kunming, auch haben deutlich mehr junge Menschen hellbraun oder blond gefärbte Haare.

Am nächsten Morgen (immerhin hat die Temperatur auf 23 Grad abgekühlt) fahre ich in den zweitgrößten Ort der Provinz - Menghai - dort soll es einen großen Markt geben (sowas interessiert mich immer), den ich tatsächlich auch gefunden habe. Ansonsten wirkt der Ort auf mich eher nichtssagend und ich begebe mich auch bald wieder auf den Rückweg.

Auch in dieser Provinz fällt auf, wie sorgfältig die Felder bestellt sind. Viele Pflanzen erkenne oder kenne ich im Vorüberfahren nicht, aber in jedem Fall werden Mais, Tee, Bananen, Mangos, Ananas angebaut, viele Bäume scheinen gezüchtet (zu deutsch: Baumschulen) zu werden.
Auch hier kann ich wieder keine, die menschliche Arbeitskraft unterstützenden Maschinen entdecken.

Zurück in Jinghong - begebe ich mich auf den Jademarkt, der vorwiegend von Thailändern bestückt wird. Viel Glitzer, also nichts für mich. Dann zum Mekong, der hier Langkangjiang heißt. Ich finde ihn schon ganz imponierend, obwohl er natürlich im Laufe seines Ganges durch die verschiedenen Länder noch viel mächtiger wird. Es gibt zwei große Brücken und eine Fähre, um ans andere Ufer zu gelangen. Ansonsten kann ich auf den ersten Blick nichts besonderes erkennen.

Zu den besonderen Sehenswürdigkeiten hier gehört des sog. "Wild Elefant Valley", das wird es dann morgen auch sein. Erstaunlicherweise bin ich - neben einem Wildparkwächter - die einzige Passagierin, die dorthin will, morgens um neun Uhr hin und um 14.30 Uhr wieder zurück - das dürfte reichen.
Angekommen auf dem Parkplatz des "Wild Elefant Valley" reiht sich Bus an Bus - also ein Risenandrang, puhhh!!

Eine der wenigen Male, wo mir mein Alter zum Vorteil gereicht: ab 65 wirds billiger und als klar wird, dass ich bereits siebzig bin - das ist etwas kompliziert für die Chinesen, da sie zuerst die Jahreszahl, dann den Monat und als letztes den Tag schreiben (bei uns ja genau umgekehrt) und ich nicht gleich kapiert habe, dass ihre Frage war, ob ich nun am 9. 1 oder am 1. 9. 70 geworden bin/werde. Aber mit diesem hohen Alter bin ich fast umsonst reingekommen. Dafür bin ich mit dem zweisitzigen Cable Car über die Baumwipfel hinweg gefahren - fast eine halbe Stunde. Das Urwaldflair, mit seinen besonderen Geräuschen, Stimmen von Vögeln, Insekten, Amphibien etc., verbunden mit der Wärme strahlt für mich eine besondere Ruhe und geheimnisvolle Vielfalt aus. Ich fühlte mich sehr an einen Ausflug in den ghanaischen Urwald erinnert, mit Philo, Henner und Filip. Im Hostel liefen auch - wie in Ghana - die Gekkos an den Wänden entlang; und noch am späten Abend waren es über 30 Grad - ohne Air Condition ging gar nichts.

Der Weg von der Cable Car Station zurück war sehr angenehm, denn die meisten benutzten dazu wieder die Cable Car und so war ich weitgehend allein auf dem gut angelegten Hochweg durch den Urwald. Elefanten habe ich natürlich keine gesehen - das sei wohl auch eine Seltenheit - aber immerhin habe ich ihr Trompeten gehört und sich streitende Affen gesehen. Das urwaldliche Flair ist wirklich etwas ganz Besonderes, das ich leider nicht wirklich beschreiben kann.

Weniger schön fand ich die auch zur Anlage gehörenden dressierten Papageien, die Müll einsammelten oder Rollschuh liefen oder eine Rutsche runterrutschten oder rückwärts auf einem Fass rollten. Genauso daneben fand ich eine Riesenschlange, mit der man sich fotografieren lassen konnte und einen wenig aussagekräftigen "Schmetterlingspark".

Wieder zurück in Jinghong, in dem es deutlich schwüler und drückender war als in dem höher gelegenen Elefantental, habe ich mich auf die Suche nach den angepriesenen "westernstyle" Cafés gemacht - ein guter Kaffee mußte einfach mal sein, um in der Hitze (auch um 17 Uhr sind es immer noch 36 Grad) gut bestehen zu können.
Dann habe ich mich noch mit Gemüse, Obst und schönem, thailändisch scharfem Tofu eingedeckt und es mir in der Jugendherberge schmecken lassen - immer mit Fächer, denn auch abends sind es noch deutlich über 30 Grad.

Am nächsten Tag zum Rain Forest "Sky Tree Forest", es ist angeblich eines der drei letzten in der Welt vorhandenen großen zusammenhängenden (Südamerika, Zentrafrika, Südostasien) Urwaldgebiete: Südchina und Thailand. Es ging früh los, die Busfahrt dauerte drei Stunden, ein Tunnel nach dem anderen.
Der Eingang zum "Regenwaldpark" liegt an einem Nebenffluss des Mekong. Eine sehr schöne Anlage - kleine Bootsfahrt zum Eingang, dann weiter auf einem stark schwankenden, über und zwischen den Bäumen gebauten Hochgang, außerdem ein gepflegter (bereits von Prinz Charles begangener!) Pfad durch den Regenwald, mit imponierenden, riesigen Bäumen und ausführlichen Erklärungen in chinesisch und englisch.
Die dort ansässigen Dai boten zwischendurch auch touristische Einlagen dar - Gesang oder Tänze (auf mich wirkte es eher wie eine Werbeverkaufsveranstaltung), mir scheint, die Chinesen mögen so was.

Leider hat sich bei einer etwas überstürzten Abfahrt meine teure Sonnenbrille verabschiedet, fühlte sich wohl nicht genug beachtet - was für einen kurzen Augenblick auch stimmte.

Der nächste Tag war dem für die Gegend typischen Pu' Er gewidmet. Die Empfehlumg lautete, Richtung Menghai zu fahren, kurz davor auszusteigen und dann in das Dorf Nannuoshan hoch zu laufen. Gute Idee - ausgerechnet bei dieser Tour habe ich meine Wanderstöcke in Kunming gelassen. Aber mal sehen, wie es geht. Die asphaltierte Straße ging stetig bergauf, es wurde schnell recht warm, vor allem der Rucksack führte zu einem ständig nassgeschwitzten Rücken. Leider hat sich keines der vorbeifahrenden Autos oder Mopeds meiner erbarmt.
Einmal gab's ein Hinweisschild auf "Pu'Er Tee Degustation", ich natürlich hocherfreut und nichts wie hin. Aber - gähnende Leere, bis ich schließlich eine Teepflückerin entdeckte, die mir mühsam klar machte, dass ich mich vorher hätte anmelden müssen. Ziemlich dumm gelaufen, ich also wieder zurück und weiter! Dann erblickte ich vor mir ein paar Häuser und ziemlich weit weg ein kleines Dorf, Nannuoshan, dahin werde ich es wohl nicht mehr schaffen.
Plötzlich erbostes Hundegebell, ich nichts wie hin, mehrere Autos hielten vor einer Einfahrt. Ich witterte eine Chance, mich da anschließen zu können. Aber einer der Herren erkkärte mir, dass ich nur etwas weiter zu gehen bräuchte und dann fände ich schon die "Tee-Trink-Möglichkeiten" - na, der kann viel erzählen, ich also wieder weiter, stark auf Pause ausgerichtet. Vorbei an die Straße kehrenden Leuten, die mich freundlich zurückgrüßten (dies hatte ich mir zum Glück angewöhnt). Wir kamen ins Gespräch und siehe da, sie boten Pu'Er Tee an, verkauften diesen auch und hatten auch die für diese Gegend berühmten, über hundert Jahre alte Teebäume. Das war's doch, weshalb ich hier war!

Es stellte sich heraus, dass in dem fast fertig gebauten, neuen Haus, eine Großfamilie lebte: Vater und Mutter, der große Bruder mit Frau und siebenjähriger Tochter und die nächst jüngere Schwester (ledig), die jüngste ist wohl verheiratet und wohnt in der Familie des Ehemannes (das ist dort noch so üblich). Während der ganzen Zeit des Erzählens wurde Tee gekocht und gereicht - in den bereits (vor einiger Zeit) erwähnten kleinen Tässchen. Ich habe mich nochmal erkundigt (Torben, das geht an Dich): der erste Aufguss (der zweite wird hier bereits getrunken) wird weggegossen, weil dadurch der in den Teeblättern befindliche Staub weggespült wird.
Die Familie unterschied zwischen verschiedenen Jahrgängen/Alter des Tees und der Art der Trocknung. Es gibt Tee, der in einer mit Holz geheizten Schale getrocknet wird und anderen, der nur in der Luft getrocknet wird. Je älter der Tee, desto teurer ist er. Mir ist der siebenjährige zu intensiv im Geschmack. Der diesjährige und der luftgetrocknete waren leichte Tees, die ich lieber mochte.
Da gerade Mittagszeit war, wurde ich auch zum Essen eingeladen, einem sehr einfachen Essen aus in süsser Suppe servierten Reisklebebällchen - nichts, was ich nachkochen will.

Es scheint, dass die Familie vom Tee lebt. Nach dem Essen fuhren wir mit dem Moped - war ich ja inzwischen gewohnt - zu den alten Teebäumen. Je älter diese sind, desto besser der Tee - so heißt es. Die standen alle am ziemlich steilen Hang, also raufkrakseln, ging mal grade noch so. Zwischen den Teebäumen waren Mais, Tomaten, Paprika, eine Art Lauch/Knoblauch, Grünzeug angepflanzt, außerdem noch Erdbeeren, Obstbäume (Pfirsich, Bananen, Walnuß, kleine Renéeclauden etc.). Was reif war, wurde mitgenommen. Auch in der Pflege dieser "Anlage" steckt eine unheimliche Arbeit! An einigen Stellen standen kleine Nadelbäumchen, die - wenn ich es richtig verstanden habe - dazu dienen, die Grenze zum Nachbarn zu markieren. Am Haus selbst gab es auch (junge) Teepflanzen, ebenfalls Gemüse und Obst, ein Schwein, Hühner und Gänse.

Dann war der Rückweg angesagt, die jüngere Schwester hätte mich mit dem Moped runtergefahren, aber das wollte ich nicht annehmen, war ja auch gut ausgeruht.
Ich also los, etwas Tee hatte ich natürlich auch gekauft. Nach kurzer Zeit hielt ein Auto neben mir - die Chinesen vom Vormittag. Es stellte sich heraus, dass sie auch nach Jinghong fuhren, was wollte ich mehr! Manchmal fügen sich die Dinge wirklich toll.

In Jinghong war es wieder gewohnt schwül. Eigentlich wollte ich noch kurz in den Botanischen Garten gehen, habe mich aber ziemlich verlaufen und bin dann ins Hostel zurück. Schließlich muss die ganze Korrespondenz ja auch noch erledigt werden - Internet in den Hostels ist wohl inzwischen Standard.
Abends bin ich dann mit den jungen Chinesinnen aus unserem "Sechserzimmer" zum Essen beim Thailänder nebenan gewesen. Sie waren etwas besorgt, dass mir alles zu scharf sein könnte - war es aber nicht.

Dann am letzten Tag in Jinghong, nochmal der Versuch, mit dem Botanischen Garten. Diesmal klappte es besser. Davor war ich noch, leider ohne Erfolg, auf der Suche nach einer Möglichkeit, mit dem Bus (statt Taxi) zum Flughafen zu fahren, aber die Hotels halten das wohl nur für ihre Gäste vor.

Der Botanische Garten ist sehr schön angelegt, ich fand ihn aber nicht sehr informativ, vor allem da die Erklärungstafeln (insbesondere die englische Version) nicht sehr gepflegt und daher kaum lesbar waren. Einige Anlagen waren auch schlicht geschlossen. Außerdem beeinträchtigte eine Gewitterschwüle meinen Unternehmungsgeist erheblich. Dafür waren in der wirklich schönen, buntblumigen Anlage viele "Hochzeitsfotografen" bei der Arbeit. In China ist es nämlich üblich, dass eine Hochzeitsankündigung bereits mit vielen Fotos des Hochzeitspaares versehen ist und zwar in den verschiedensten Ausstaffierungen, d.h. Aufnahmen in möglichst vielen verschiedenen "Kulissen" mit genauso vielen verschiedenen "Outfits", die von den Fotografen gestellt werden. Dass diese Fotos alle sehr gestellt sind, stört niemanden.
Das war die Reise in den südlichsten Teil Chinas - die Wochen danach ist es bisher nie mehr so heiss gewesen - so kann man sich verkalkulieren!

Hingegen komme ich hier mit der deutlich geringeren Hitze (nur bis 30 Grad) wesentlich schechter klar: bin ständig müde und meine Lernmotivation sinkt mit steigender Temperatur; bereits das Denken führt zu Schweißaussbrüchen!
Was richtig toll ist, sind die vielen Obstsorten, die angeboten werden und richtig toll schmecken, insbeondere die Mangos (sie sind genauso lecker wie in Ghana). Verschwunden sind die Maulbeeren und Erdbeeren, aber sonst habe ich fast den Eindruck, dass es hier gleichzeitig all die Sachen gibt, die bei uns eine nach der anderen reif werden.

Man hört, dass auch in Europa die Temperaturen ab und zu mal steigen - genießt das und lasst es Euch gut gehen!

Besuch in einem "fremden" Nachbarland

Samstag, 10.05.2014

Nachtrag zum Fahrradabenteuer in Kunming. Lea hat nach der Gestaltung der Mitte der Kreisverkehre gefragt, ob die mit Reklame, Bepflanzung, Ankündigungen o.ä. Ausgestattet sind. Durch diese Frage fiel mir auf, dass die Unübersichtlichkeit der Kreisel für mich auch darin liegt, dass sie teilweise mehrstöckig sind: es kommen zwei oder mehr Straßen zusammen, auf der obersten Etage fahren die Autos geradeaus weiter, darunter fädeln sich die Autos, die rechts oder links abbiegen wollen irgendwie ein und aus und auf der untersten Etage schwirren Radfahrer, Fussgänger und natürlich auch noch Autos durcheinander und fädeln sich irgendwohin;in diesen Etagen ist die Ausschilderung für die Autos ziemlich klar. Da unten kann ich natürlich nicht mehr sehen, wo welche Ausfahrt hinführt. Außerdem gibt es da auch Verkaufsstände, Händler, Bauern, die ihre Ware anbieten - wie soll sich da eine Dörflerin aus Lüneburg noch orientieren können? Kurzum es ist ein ziemliches Gewusel da unten. Alles klar jetzt??

Nun zum eigentlichen Thema: Nachdem ich wider Erwarten doch wieder ein Visum bekommen habe, mit dem ich aus der VR China aus- und wieder in sie einreisen darf, konnte ich nun doch einen lang geplanten und angekündigten Besuch in Japan bei der befreundeten Familie Hirano in die Tat umsetzen. Hiranos wohnen auf der südlichsten er vier großen Inseln von Japan, Kyushu, in der Nähe von Fukuoka. Da Vater und Tochter berufstätig sind, kam nur ein Wochenende infrage, das durch einen Feiertag verlängert ist. Dies ist die sog. "Golden Week". Da zu dieser Zeit viele Japaner unterwegs sind, war mein Traum von einem Direktflug schnell geplatzt und daher die Reisedauer ziemlich lang (hin über Shanghai, zurück über Peking).

Ich war erstaunt, wie wenig einige Chinesen, zB meine Lehrerin, über Japan wissen. So wusste sie nicht, dass Japan aus vier großen Inseln besteht, die Städte, in denen die Atombombe abgeworfen wurde, waren ihr unbekannt, die verschiedenen japanischen Schriften ihr kein Begriff. Aber dass die Japaner rohen Fisch (igittigittttttt) essen, ist immerhin bekannt - tröstlich. Aber vielleicht ist mein Vergleich (was ich über Großbritannien weiss) ja auch ziemlich unpassend!? Japan wird von der chinesischen Regierung immer wieder benutzt, um den unzufriedenen Chinesen ein Ventil zu verschaffen, um Ärger und Frust abzureagieren (jüngstes Beispiel ist der Inselstreit). Auch werden im Fernsehen, so erzählte mir ein junger Chinese, viele Filme gezeigt, in denen Japaner keine gute Figur machen. Japanfeindlichkeit kann überall plötzlich ausbrechen.

Ankunft in Fukuoka: Formulare über Formulare, darin sind sich die Chinesen und Japaner ganz ähnlich, allerdings in der Art der freundlichem Hilfestellung unterscheiden sie sich deutlich: da kommt von den Japanern eindeutig mehr.
Beim Zoll wurde mir eine Liste von verbotenen Drogen vorgelegt und ich gefragt, ob ich solche mit mir führen würde. Mein Nein klang entweder nicht sehr überzeugend oder wie auch immer, sie haben sowohl den Koffer alsauch meinen Rucksack total ausgepackt. Die Mitbringsel für Hiranos: Müsli, Schokolade und chinesischen Tee (alles noch ungeöffnet) haben sie sogar durchleuchtet! Bei all diesen Aktionen waren sie (ich natürlich auch) ausnehmend freundlich und höflich (war ich von den Chinesen so nicht gewohnt). Ich war auf weiter Flur die Einzige, die kontrolliert wurde und schließlich mit Abstand die Letzte, die zum Ausgang gelangte - Hiranos dachten bestimmt, ich käme gar nicht mehr.

Die Höflichkeit, Sauberkeit und Geordnetheit, die mir mal etwas auf die Nerven ging, empfand ich jetzt als wohltuend. Auch das von den chinesischen Männern praktizierte Hochrotzen und Ausspucken habe ich erleichtert vernisst.
Die Bürgersteige hier sind eben und haben sich nicht dem darunterliegenden Wurzelwerk angepasst, sodass Stolperfallen fehlen, Verkehrsregeln und Ampeln werden ernst genommen - auch das kann mitunter entlastend sein. Betritt man einen Laden oder ein Hotel, hat man nicht das Gefühl, das Personal - dessen Anzahl in China und Japan in etwa gleich hoch ist - bei einem wichtigen Klönschnack zu unterbrechen; sich verbeugend und nach dem Wunsch fragend, stürzt sofort eine Person auf einen zu - ist mamchmal auch ganz nett.
Auffallend sind mehr Männer mit grauen Haaren (in China ist es bei Männern Mode, sich die ergrauten Haare schwarz zu färben), in Fukuoka scheinen die Menschen weniger modebesessen (dh Minirock und Minihose) zu sein als in China, hier ist eher legere und alternative Kleidung angesagt. Mir scheint, in Japan gibt es mehr übergewichtige oder sich in dieser Richtung bewegende Menschen als in China.
Während in Japan auf den Straßen fast ausschließlich moderne Limousinen auf den Straßen fahren (oder im Stau stehen), ab und zu aufgelockert durch viele, dicke, fette Mopeds mit vielen, vielen PS, herrschen in China neben den Autos die eRoller und Fahrräder vor, auch etliche Mopeds, allerdings im niedrig PS-Bereich. Insgesamt ist in der Stadt die Fahrgeschwindigkeit in der sich Fahrzeuge bewegen deutlich geringer als in Japan und bei uns. Luftvershmutzung ist in Japan zumindest Thema (anders als in China), obwohl z.T. auch nicht viel geringer.


Zwischen der Esskultur in beiden Ländern besteht ein himmelweiter Unterschied: Hier sehe ich keine Straßenlokale, in denen in gebückter Haltung das Essen mit den Stäbchen in möglichst kurzem Abstand zum Mund in selbigen hineingeschaufelt und was nicht passt, auf den Boden ausgespuckt wird. Es geht schon etwas "zivilisierter" zu. Allerdings sind diese Vergleiche mit Vorsicht zu genießen, da ich vielleicht die entsprechenden billigen Esslokale in Japan nicht gesehen habe. Und natürlich gibt es auch in China vornehme Lokale, in denen nicht alles auf den Boden gespuckt wird; aber auch da sehen die "abgegessenen" Tische wie ein Schlachtfeld aus - das habe ich in Japan so nicht erlebt.
Insgesamt landet in Japan nicht so viel Müll auf dem Boden/der Straße wie in China. Allerdings meine ich mich zu erinnern, dass vor mehr als 20 Jahren (als ich zum erstenmal in Japan war) die Straßen nur deshalb sauber waren, weil ständig der Müll von der Straße aufgesammelt wurde - so wie es jetzt in China geschieht.

Die erste Nacht haben Tomoka und ich in einem sehr vornehmem Hotel in Fukuoka verbracht, weil hier am folgenden Tag ein Fest gefeiert wurde mit einem großen Umzug (ähnlich wie bei unseren Schützenfesten). Natürlich waren dadurch viele Menschen unterwegs und einen Stehplatz mit Sicht zu ergattern war schon ziemlich schwierig. Abends fuhren wir dann mit dem Zug in das Städtchen, in dem Hiranos wohnen. Ab dann habe ich zwei Nächte im "Hotel Hirano" übernachtet (das bedeutete für alle Familienmitglieder Wechsel von Zimmer und Bett).
Der nächste Tag war einem Schrein und einem kleinen Tempel - sowie im Anschlussdaran dem Supermarkt gewidmet - alles ging wegen des Feiertagsstaus ziemlich langsam voran. Ich war wie vor 20 Jahren sehr beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der die Japaner die Götter in den verschiedenen Schreinen und Tempel verehren.  - Und Talismane für verschiedenen Situationen werden mit großer Ernsthaftigkeit ausgewählt und gekauft.

Supermärkte unterscheiden sich nicht allzusehr, die chinesischen sind etwas "rummeliger": da muss man durchaus mal (an mehreren Tagen hintereinander) über (dieselben) noch nicht ausgepackte Kartons steigen - sowas gibt es in Japan natürlich nicht.
Abends haben wir Temaki Sushi gegessen. Dazu wurden alle Zutaten klein geschnitten und in Schälchen auf den Tisch gestellt, die Sushi hat man sich dann selbst zusammen"gewickelt", das schreit direkt nach einer Wiederholung in Lüneburg.

Dann gings leider auch schon wieder zurück. Da ich diesmal über Peking fliegen musste (was ein gewaltiger Umweg war, da Peking sehr weit nördlich liegt und Kunming, Shanghai und Fukuoka auf etwa demselben Breitengrad liegen. Auch wieder viel Formalitäten, aber ohne Gepäckkontrolle. Dummerweise war mein Koffer, der nicht von Fukuoka nach Kunming transportiert wurde (das schafft der nagelneue Pekinger Flughafen noch nicht) in Peking verschwunden. Auf der Suche nach ihm wurde ich von Pontius zu Pilatus geschickt und war davon völlig entnervt. Irgendein Uniformierter meinte plötzlich, ein brauner Koffer sei irgendwo übrig geblieben und liefe auf irgendeinem Laufband im Kreis - na wunderbar, den habe ich doch gleich aus dem Karussel befreit.

Bis auf die Tatsache, dass der Flieger nach Kunming erheblich verspätet, das Essen miserabelst und ich erst gegen 2.30 Uhr morgens wieder zu Hause war, hatte ich wirklich tolle Tage in Japan verbracht und das Land wieder schätzen gelernt. Ich glaube, Hiranos mussten sich erstmal gründlich von dem anstrengenden (und für die sehr!! teuren) Besuch erholen. Zum Glück hatten sie wegen der "Golden Week" nur eine kurze Arbeitswoche.

Heute startete noch eine ganz anderen Aktion: eine chinesische Studentin, Yasmine, die deutsch studiert, die ich im letzten Semester kennengelernt habe und die den Kontakt aber nicht weitergeführt hat, hat sich gemeldet und meinte, sie wolle mit mir chinesisch kochen - auch gut. Wir haben also zusammen eingekauft: Zwiebeln, Tomaten, Bittergurke, Sojasprossen, ein Blattgemüse (Name unbekannt), Eier, Fisch (nebenbei: ich bin in die vegane Fraktion übergewechselt, das hatte ich aber bereits in Japan "vergessen", da ich das viele, "nein, das kann ich nicht essen" für unzumutbar hielt). Yasmine meinte, ihre Zimmernachbarin wäre auch gerne mitgekommen. Na, gut, kein Problem, sie kann ja noch kommen; tatsächlich tauchten dann noch zwei Chinesinnen auf. Alleine mit einem Fremden fühlen sich die Chinesen oft nicht so richtig wohl. Die drei wirbelten dann also in meiner Küche umeinander, ich sah interessiert zu - so macht sogar mir Kochen Spass.

Als erstes kam der Fisch an die Reihe, der kurz angebraten und dann auf kleiner Flamme ziemlich lange vor sich hinköchelte. Jedes Gemüse wurde einzeln in der Pfanne auf der Induktionsplatte (die in meinen Händen funktionsunfähig war) erhitzt, in ein Schälchen gefüllt und auf den Tisch gestellt. Dass die Sachen nacher ziemlich kalt waren, spielte keine Rolle.  Zwiebelgericht fand ich ganz interessant: Die Zwiebeln wurden sehr dünn geschnitten, Wasser und Essig (im Verhältnis 1:5) hinzugefügt, scharfe Paprika dazu und das ganze durchziehen lassen. Tomaten werden in China übrigens immer mit Eiern zubereitet. Natürlich kochte nebenher der Reis. Nachher sah das alles sehr appetitlich aus. Beim Herumwirbeln und alles immer gründlich abspülen, war die Küche ganz schön nass geworden - was solls. Das Essen war sehr lecker und schön scharf und ich hoffe, einiges nachkochen zu können. Beim Essen landeten die Gräten zwar Sauberkeit bemühten. An Waschen des Gemüses etc. gaben sich die Chinesinnen und die Japanerinnen nichts; das hätte ich in dieser Form tatsächlich nicht erwartet.

Hier ist es inzwischen wieder sommerlich warm geworden, nachdem sich das Wetter vorübergehend deutlich abgekühlt hat. Da alles sehr trocken ist, wird die Regenzeit herbeigesehnt (natürlich nicht von mir).

Ich hoffe, dass nach den Eisheiligen bei Euch auch endgültig die Wärme überhand gewinnt und diverse Blumen, Gemüse und Menschen gefahrlos ins Freie können.

Herzliche Grüße               Steffi

Mit dem Fahrrad in Kunming unterwegs

Sonntag, 20.04.2014

Nein, nein, diesmal gibts keinen Reisebericht - ich habe mich mit dem Fahrrad auf Kunmings Straßen gewagt, das fand ich schon Abenteuer genug. Das Fahrrad selbst ist schon bemerkenswert: es ist ein kleines Klappfahrrad, der Sitz auch in der höchsten Position noch viel zu niedrig (die Chinesen fahren so, dass die Knie immer angewinkelt sind und wundern sich dann, dass ihnen die Knie weh tun - taten sie mir natürlich auch), Licht gibt es nicht und eine Klingel ebensowenig. Aber trotzdem, mal los, das Wetter ist schön, die Sonne schon viel zu heiß, was ich aber erst unterwegs merkte. Schon die Ausfahrt aus meiner Wohnanlage ist ein Abenteuer, da ich links abbiegen wollte. Natürlich kamen jede Menge Autos. Was macht man in China? Man benutzt einfach die "falsche" Fahrbahn, solange, bis sich eine Möglichkeit ergibt, auf die richtige überzuwechseln - dabei kam ich schon zum erstenmal ins Schwitzen.

Dann rechts auf die große Hauptstraße abbiegen, kein Problem: die Straße ist zweispurig pro Fahrtrichtung, eine breite Spur für Zweiräder, Fahrräder und e-Roller oder Mopeds. Ich muss aufpassen, mich immer rechts halten, damit mich die e-Roller nicht rechts und links überholen. Das gemeine an den e-Rollern ist, dass man sie nicht herankommen hört - plötzlich flitzt so ein Gefährt an einem vorbei. Doch nein, stimmt nicht ganz: wenn der Fahrer telefoniert (dabei wird meist sehr laut gesprochen), hört man sie sehr wohl herankommen. Noch erschwerend ist, dass auch viele Fußgänger den Zweiradstreifen benutzen, weil sie es gut finden, sie schneller vorankommen oder gar kein Fußgängerweg existiert. Und der Gipfel von allem ist, dass auch Autos auf dem Zweiradstreifen fahren, entweder weil nur so eine Einfahrt zu sonstwohin erreicht werden kann, oder weil die Zweiradspur mal kurz zur Rechtsabbiegerspur auch für Autos wird. Aber nützt alles nichts, in China ist man eben verkehrstechnisch sehr flexibel.
Aber dann kommt mir ein Zweirad entgegen - auch noch kein großes Problem, solange es sich am Straßenrand bewegt, was aber nicht alle tun oder wenn es gleich mehrere Zweiräder sind, die einem entgegenkommen, dann kann es schon mal richtig eng werden. Dann eine Ampel, das kennt man ja von Deutschland.

Aber dann kommt ein Kreisverkehr - keine Ahnung, wer da Vorfahrt hat. Ich habe den Eindruck, jeder fährt da drauflos: rein in den Kreisel und wieder raus. In der Regel gilt hier überall, der Stärkere hat Vorfahrt - das wird gewöhnlich durch lautes Hupen angekündigt. Die Stärkeren, das sind natürlich die Busse, Autos und die e-Roller oder Mopeds. Also ich vorsichtig rein, das ist keine gute Idee, denn dann flitzt wirklich alles rechts und links an mir vorbei. Also ich etwas forscher in der Annahme, dass ich ja schließlich nicht unsichtbar bin - auf die Art stehe ich plötzlich ganz allein da und auch dann flitzen links und rechts die Motorisierten an mir vorbei. Bei der ganzen Aufregung habe ich natürlich schon längst den Überblick verloren und weiß nicht mehr, wo ich gerade bin und wo ich eigentlich rausfahren wollte, also irgendwo raus, erstmal Luft holen und die Lage sortieren - natürlich habe ich nicht zufällig die richtige Ausfahrt erwischt - nochmal rein. Na, irgendwann habe ich dann doch die richtige Ausfahrt zu fassen bekommen. Zum Glück kommen jetzt erstmal nur noch ganz normale Ampelkreuzungen.

Dann habe ich mein Ziel erreicht: ein Einkaufszentrum, in dem es einen deutschen Laden geben soll - den wollte ich mir mal ansehen. Ich also mit meinem Fahrrad rein und Ausschau haltend nach einer Abstellmöglichkeit - das sah man mir wohl an. Sofort stürzte ein "Sicherheitsbeamter/Aufpasser"  auf mich zu und machte mir klar, dass hier keine Fahrräder abgestellt werden dürfen, er zeigte in eine Richtung, in die ich mich dann begab, in der Annahme, dort einen Fahrradabstellplatz zu finden - weit und breit keine Spur, dafür tauchte der nächste "Sicherheitsbeamte" auf und wies in eine andere Richtung - wieder nichts. Bis sich schließlich einer dieser Uniformierten erbarmte und mich zum Eingang einer Tiefgarage führte. Dort war also der Zweiradabstellplatz - natürlich kostenpflichtig. Bravo.

In China funktioniert dieses System: weit und breit kein Zweirad zu sehen. Ob das ein Vorbild sein könnte für den Lüneburger Bahnhof, der durch "wild" abgestellte Fahrräder völlig zugeparkt und "verunstaltet" ist (obwohl es inzwischen zwei Fahrradparkhäuser gibt)?? Ich glaube nicht. Denn es wird bestimmt irgendwelche Spezis geben, die über die Weisungsbefugnis eines solchen "Aufpassers" einen Rechtsstreit anzetteln würden. Das ist eben einer der Unterschiede zwischen China und Deutschland!

Als nächstes dann die Suche nach dem Laden, natürlich bin ich mehrmals an ihm vorbei gelaufen, da er so klein war, dass er meinen nicht mehr ganz scharfen Adleraugen entgangen war. Dort gabs jede Menge Wein, Wurst, etwas Käse, viele, viele Kekse. Na toll, das hätte ich auch im Carrefour haben können.
Zum Glück gabs wenigstens noch einen "Metro" nebenan, also da mal rein. Berechtigungskarte hatte ich natürlich nicht, aber man kanns ja einfach mal probieren. Klappte auch. Also da mal rumgestromert und ein paar leckere Sachen eingepackt: Schokolade, Sesambrotaufstrich, Müsli. Aber wie komme ich jetzt mit den Sachen wieder raus? Erstmal zur Kasse, klar, anstellen, auch klar. Wie machen das die Anderen? Die holen ihre Karte raus, legen sie vor, dann wird eine Nummer eingescannt und dann bezahlen sie - und ich?? Zum Glück war vor mir ein Chinese, der auch keine Karte hatte. Der drehte sich um, sah meinen ratlosen Blick und wandte sich an die hinter mir stehenden Chinesen und bat sie um deren Karte. Na, nun wußte ich ja, wie es geht. Knallrot und sehr verlegen, drehte ich mich um, murmelte auch etwas von Karte und siehe da, ich bekam sie und es klappte (aber nochmal brauche ich das wirklich nicht).

Dann ist es bei chinesischen Geschäften so üblich, dass der Ausgang eines Geschäftes sehr weit vom Eingang entfernt ist, meist an einer Seitenstraße. Also, gehe ich jetzt rechts- oder linksrum, um mein Fahrrad wieder zu finden? Diesmal wars ein Treffer. Inzwischen war es wirklich ziemlich heiß geworden und ich kam aus dem Schwitzen gar nicht mehr raus.


Natürlich verlief auch der Rückweg nicht wie geplant, an einem dieser Kreisel habe ich völlig die Orientierung verloren, war aber dann doch heilfroh, einen mir bekannten Straßennamen erkannt zu haben. Allerdings bedeutete das, dass ich von unten "meine" Straße rauffahren mußte, was ich vermeiden wollte, da ich keine Lust auf Fahrrad schieben hatte. Aber auch das habe ich überlebt.

Ich war wirklich heilfroh und dankbar, unversehrt wieder zu Hause angekommen zu sein. Und ob ich das Abenteuer nochmal haben will, da bin ich mir nun gar nicht sicher. Ich habe also das Fahrrad wieder auf den Fahrradabstellplatz bugsiert. Ja, genau, das ist das richtige Wort: es steht nämlich -  dreckig, wie es ist - bei mir im Schlafzimmer. Zuerst hattte ich es auf dem Balkon, aber da ist es wirklich zu staubig, nach zwei Wochen muss alles, was sich auf dem Balkon befindet, "entstaubt" werden. Diese Art der Unterbringung ist hier übrigens durchaus üblich, da man auf selbige Art die Kosten für einen Fahrradabstellplatz (wo auch immer der nun wieder ist) sparen kann. Es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die mit ihrem Fahrrad die Wohnung verlassen, damit den Aufzug besteigen und es dann mehr oder weniger elegant durch die Haustür und die sechs Stufen hinunter auf den Gehweg transportieren - bei mir sieht das natürlich sehr wenig elegant aus.

Da mir allerdings die Busfahrpläne immer noch ein Buch mit sieben Siegeln sind und es mir noch nie gelungen ist, die richtigen Busnummern im Internet zu finden, kam mir das Fahrrad schneller wieder in den Sinn als mir lieb war. Aber große Strecken sind der Knie wegen wirklich nicht zu empfehlen. Beim zweiten Mal ging es schon etwas besser, zumindest war ich weniger aufgeregt. Diesmal kam ich bei Dunkelheit zurück - ohne Licht. Es war nicht mehr so viel Verkehr und die Straßen beleuchtet, sodaß ich davon ausging, schon gesehen zu werden. Ich bin auch keinem Radfahrer begegnet, der Licht hatte, die anderen Zweiräder sehr wohl.

Aber dann natürlich das Problem: wo abbiegen (ich mußte links abbiegen), bei Dunkelheit und meinem phantastischen Orientierungssinn schon ein wenig schwierig. Habe natürlich auch prompt die falsche, zu frühe Abbiege erwischt, Mist. Also: ich mache genau das, was mir die Chinesen vormachten, ich fahre auf der "falschen" Seite weiter bis zur richtigen Abbiege - mit einem etwas mulmigen Gefühl, aber so kennen die Chinesen es ja schließlich (aber bestimmt haben die schon längst kein mulmiges Gefühl mehr!).

Ostern ist ja in China nicht existent, das habe ich ja schon mehreren von Euch geschrieben. Aber Ihr werdets kaum glauben: am Ostermontag habe ich mit einer Chinesin zusammen Eier ausgeblasen und angemalt - in China! Das kam so: Ich habe einen Deutschen kennengelernt, der mit einer Chinesin verheiratet ist und die hatte sich in den Kopf gesetzt, 30 Eier aufzuhängen. Zum Glück konnte ich ihr  zeigen, wie das geht, habe ihr aber von den 30 Eiern abgeraten und gemeint, weniger seien genauso gut. Nach fünf Eiern habe ich mich aus dem Staube gemacht, keine Ahnung, wieviel Eier sie dann noch verarbeitet hat.

Übrigens ist hier inzwischen der Hochsommer ausgebrochen: die 30° Grenze ist erreicht und ich bin dabei, mich mühsam an diese Temperaturen zu gewöhnen - tröstlich: nachts kühlt es immerhin noch auf 15° ab und es soll nicht mehr wesentlich wärmer werden. Hoffentlich stimmt's.

So viel China erstmal für heute, genießt den Frühling und seid herzlichst gegrüßt,

Steffi

Zu den Reisterrassen der Hani

Sonntag, 13.04.2014

Diesmal ging die Reise in eine der südlichen Provinzen von Yunnan, nach Hongjiang. Ausgangspunkt war der Südbusbahnhof. Aus der Stadt heraus fuhr man lange Zeit durch relativ ebenes Gebiet, neben neu in Bau bedindlichen Hochhäusern, Landwirtschaft en masse. Die Felder etwas größer als die in westlicherRichtung, viel Gewächshäuser, aber auch hier keinrlei Maschinen im Einsatz. Man geht auf die Felder zu Fuß, wenn man hat, mit dem Fahrrad und gut ausgestattete Leute haben einen E-Roller. Geerntete Produkte werden auf dem Rücken transportiert, per Rad oder Motordreirad.
Auf der Reise nach Westen führte die Strecke sehr bald durch bergiges Gebiet, es gab viele Straßentunnel, die Straße war relativ schlecht, die Fahrt nur langsam möglich. Die Felder waren - der Berge wegen - terrassiert angelegt, die Begrenzungen bestanden aus Steinmauern.
In südlicher Richtung waren die Straßen vierspurig, in gutem Zustand und schnelles Fahren möglich. Tunnel gab es nur zwei am Ende der Reise. Auch gen Süden tauchten bald terrassierte Felder auf, diese Flächen waren größer und die Mäuerchen schienen moderner, verputzt.

Ziel des Überlandbusses war Xinjie, einem größeren Ort, voller Geschäfte. Am Bahnhof standen schon die Minibusfahrer Schlange, die auf Kunden warteten, die an andere Orte gebracht werden wollten. Ich wollte nach Duoyishu, einem kleinen, mitten in den Reisterrassen gelegenen Ort. Die Fahrt dauerte dann noch zwei Stunden. Scheinbar ist die Fahrerin wegen anderer Fahrgäste erhebliche Umwege gefahren. Es ist auch üblich, unterwegs winkende Leute mitzunehmen oder Bekannte zu fragen, wo sie hin wollen und sie - wenns passt - auch mitzunehmen.


Der gesamte Bereich der von den Hani (einer der vielen in Yunnan lebenden ethnischen Minderheiten) errichteten Reisterrassen ist touristisch folgendermaßen gestaltet: Es gibt an verschiedenen Stellen errichtete "Zuschauertribünen", für die Eintritt verlangt wird, da geht  man hing und fotografiert (eine besondere Leidenschaft der Chinesen, die das teilweise tagelang und meist mit bester Fotoausrüstung tun).
Für Sonnenauf- und -untergänge gibt es bestimmte Stellen, die man zu den empfohlenen Zeiten aufsucht. Spätestens gegen 5.30 Uhr gehts morgens los. Mein Quartier lag an einer Sonnenaufgangsstelle. Wir waren da, bevor es "losging" (die Spezis kannten natürlich die besten Fotostellen). Faszinierend ist der gesamte "Ablauf": in der ersten Helligkeit auftauchende Reisterrassen, der  Wechsel von dahinziehendem Nebel, aufgehender Sonne, sich dabei verfärbendem Wasser in den Reisterrassen. Heute blieb der Nebel allerdings den ganzen Tag hängen. Da blieb nur ein Gang durchs Dorf, in dem allerdings nicht viel los ist. Es ist ein relativ in sich geschlossenes Hani-Dorf, in dem fast alle Frauen noch in der ursprünglichen Tracht arbeiten: meist ist die Kleidung in Schwarz gehalten: schwarze weite Hosen, im unteren Beinbereich und an dem Saum der Hosenbeine eine bunt gesticke, breite Borte (in dunkelblau), schwarze Kopfbedeckung (oft mit Fransen versehen), das Oberteil auch schwarz, dunkelblau oder farbig, um die Schulter einen breiten, mit buntem Muster bestickten Kragen, hinten (über dem Gesäß) wie eine Art Schürze, zwei rautenförmige, auch mit buntem Muster bestickte Stoffteile.

In Duoyishu wird - wie in allen Dörfern - viel gebaut, hier im typischen Hanistil. Der besteht quasi aus zwei verschiedenen Formen: einem meist kleineren viereckigen Gebäude, mit Reet gedeckten Dach, das wie ein Pilz wirkt, und einem mehrstöckigen, eckigen Gebäude, das oft ein flaches Dach hat. Der untere Teil ist als Stall für die Tiere gedacht, im ersten Stock wohnen die Menschen, darüber werden Vorräte (vorwiegend Reis) gelagert. Die alte Bauweise bestand aus klein gehackten Steinen, die aufgeschüttet und dann mit Lehm fest verschmiert wurden. Wohl neuerdings werden die Mauern aus Backsteinziegeln gemauert. Das fertige Gebäude wird mit einer beige-braunen Farbe getüncht.
Der Ort ist (für Touristen) mit chinesisch-englischen Erklärungstafeln versehen, recht gut renoviert, im Zentrum ein großer Platz, eine für Ochsenopfer gedachte Opferstelle. Ein Parkplatz ist am Rande des Dorfes, dorthin wird alles Baumaterial geliefert: grob gehackte Steine (die vor Ort weiter verkleinert werden), Backsteine, Zement, Sand etc. Von dort wird es, meist von Frauen, in großen Tragekörben auf dem Rücken zu dem entsprechenden Haus getragen - eine totale Knochenarbeit - und da dann weiter verarbeitet.
An Tieren gibt es: Rinder, die werden irgendwo außerhalb geweidet (teilweise im Wald, um sie wieder zu finden, haben sie eine kleine Glocke um den Hals) und abends reingebracht (keine riesigen Herden, wenige Tiere), desgleichen wurde auch mit einer Schar (ca. sechs Tiere) Gänse verfahren; Schweine, Hühner und vereinzelte Enten laufen eigenständig durchs Dorf.
Die Sträßchen sind oft enge Gassen, viel Treppen, da der Ort am Hang liegt.

Neben dem Grundnahrungsmittel Reis, wird auch Mais und Gemüse angepflanzt, daneben werden oft noch Kräuter gesucht - die Frauen laufen morgens mit Tragekorb und Spaten los und kehren zum Mittag mit einem Korb voller Grünzeug zurück (was, konnte ich leider nicht erkennen) - an Fleisch wird Geflügel, Rind oder Schwein gegessen.
In der Tang- und Song-Dynastie (also ab dem 8. Jahrhundert n. Chr.) wurde mit dem Anlegen der Reisterrassen begonnen. Sie sind in den Fels eingehauen und immer weiter erweitert worden. Ihre unterschiedlichen Formen hängen von der Bearbeitbarkeit des Untergrundes ab. Alle Terrassen sind miteinander verbunden. Im Frühjahr werden die Terrassen gewässert und sehen daher je nach Lichtverhältnissen immer wieder neu faszinierend aus. 

Anderntags habe ich einen Spaziergang zum nächsten Dorf gemacht, das noch ganz im alten Stil der Hani gebaut war. Auch hier wieder viel Neubauten im traditionellen Stil. Auf dem Rückweg habe ich mich auf den entsprechenden Mäuerchen durch die Reisterrassen geschlagen. Heilfroh niergends reingefallen zu sein, bin ich dann wieder auf die Hauptstraße zurückgekehrt. (Einige werden sich wundern, was ich da erzähle, wo ich mich doch bitter über Hüftschmerzen beklagt habe. Ja, das ging alles nur, nachdem ich mir Schmerztabletten eingeworfen habe - aber immerhin, dann war's möglich.)

Beeindruckend ein traditioneller Markt in Shencun (alle fünf Tage ist in wechselnden Dörfern ein solcher Markt, zu dem Waren hingebracht werden und wo wiederum Waren eingekauft werden kann). Hier gibt es wirklich alles, was für den täglichen Bedarf notwendig ist: angefangen von Obst, Gemüse, Gewürzen, Samen, Tieren (Geflügel, Schweine), Fleisch, Fisch über Werkzeug, Arbeitsgeräte, Stoffe, Schuhe, Bekleidung, Hüte, Modeschmuck bis hin zu Batterien, Radios, Wassertanks (auf den Dächern für warmes Wasser).
An diesem Markttag war Shengcun total dicht, Autos blockierten sich gegenseitig (sodass ich als Fußgängerin richtig schnell war), letztlich half nur noch ein Polizist.

Hinzu kam, dass an diesem Wochenende auch das "Qing Ming Jie" gefeiert wurde, ein Fest, an dem der verstorbenen Vorfahren gedacht wird. In der Regel geht man zu den Gräbern, bringt Speisen, Totengeld, (aus Papier gefertigte) Häuser, Autos oder andere Wertgegegstände zum Grab, verbrennt sie dort, zündet Räucherstäbchen an, verneigt sich vor den Vorfahren, singt oder tanzt und vor allem werden viele, viele Knaller gezündet. Dann findet ein gemeinsames Festessen statt, bei dem ordentlich aufgetischt und getrunken wird.

In Shencun konnte ich mehrere solcher Ahnengedenkfeiern beobachten. Bei einer zog ein ganzer Familienclan (bestimmt ca. 100 Menschen) unter lauter Musik und Trommelbegleitung mit einem großen Banner und vielen Opfergaben durchs Dorf, über mehrere Felder zu einer großen - und mehreren kleinen - Grabstätte. Alle haben vor der großen Grabstätte geopfert, Räucherstäbchen angezündet und gesungen, einige sind dann noch zu den kleineren Gräbern gegangen. Vermutlich ein allen gemeinsamer Ahnherr, der als Gründer des Clans galt und dann verschiedene, von ihm abstammende Vorfahren, die jeweils die Subclans (oder Lineages) gründeten. Bei der anschließenden Kuchenverteilung wurde ich (als Zaungast) mitbedacht: es war zum einen eine Art Biskuitteig-Kuchen, zum anderen ein Reiskuchen - beide sehr süß - sowie Gebäck. Ich wurde zum an anderer Stelle stattfindenden Festessen auch eingeladen (darauf habe ich aber lieber verzichtet).

Zurück im Dorf konnte ich eine andere Art beobachten: In einer Straße des Dorfes war in einem Raum (eine Art Garage aus meiner Sicht) ein "Altar" mit Foto des Ahnherr aufgebaut, mit vielen Blumen geschmückt, der von zwei Menschen "bewacht" wurde. Gegenüber war ein Tisch, auf dem Räucherstäbchen und andere Opfergaben aufgestellt waren. Nun kamen nacheinander, unter viel Geknalle, ca. 15  verschiedene Familien unterschiedlicher Größe (zwischen 15 und 30 Mitgliedern). Vorneweg wurde ein Banner getragen, die alle an einer Straßenecke abgestellt wurden, dazu wurde gesungen und musiziert (Blas- und Streichinstrumente) und getrommelt. Dann führte eine kleinere Gruppe von Frauen und Männern Tänze auf, zu denen sie sangen und musizierten, gleichzeitig fand eine Art Drachentanz statt, Räucherstäbchen wurden entzündet und man verneigte sich vor dem Ahnherr. Danach ging die Gruppe (vermutlich zum Platz des gemeinsamen Festessens) weiter und die nächste Gruppe kam.
Bevor die nächste Gruppe kam, wurden durch einen "Organisator" zum einen der Drachentänzer bezahlt und die angebrannten Räucherstäbchen durch neue ersetzt.

Ich machte mich dann auf den Weg zum "Sonnenuntergangsplatz", kam dabei an einer Stelle vorbei, an der einige Männer einen Ochsen zum Braten fertigmachten (nachdem er getötet war, wurde das Fell abgebrannt, fein säuberlich abgeschabt und das Tier dann in Einzelteile zerlegt).

Bei schönem, sonnigem Wetter hoffte ich auf eine spektakuläre, rote Sonnenuntergangsfärbung der Reisterrassen - doch diese blieb leider aus. Genausowenig gelang es mir auf dem Rückweg (nach 19 Uhr) leider wieder nicht, einen Minibus zu kriegen - die stellen ab 18 Uhr ihre Arbeit in der Regel ein - und ich machte mich knirschend zu Fuß auf den Weg.
Der krönende Abschluss dieses Tages war, dass mich nach der Hälfte des Weges ein Motorradfahrer mitnahm. Der hatte wohl in der Dunkelheit nicht richtig gesehen, welche Oma er sich da aufgelesen hatte. Jedenfalls kam ich nur mit Mühe auf den Beifahrersitz (mit einer angeknacksten Hüfte lässt sich das Bein nicht mehr so locker herüberschwingen, grrrrrrr). Auf alle Fälle war ich doch sehr froh, dass ich auf die Art bereits um 21.45 Uhr wieder im, leider immer noch stromlosen, Hostel war. (Gestern gab es nämlich ein plötzlich aufkommendes, sehr heftiges, laut donner-knallendes Hagelgewitter, das den Strom im Hostel ausknipste.)

An der Länge dieses Berichtes könnt Ihr leicht ablesen, dass dies ein wirklich beeindruckendes Wochenende war, an das ich bestimmt noch lange und gerne zurückdenken werde. Leider ist es mir noch nicht gelungen, Fotos einzufügen. Sorry.

Ich wünsche Euch allen eine besinnliche Karwoche und schöne Ostertage!

Reise gen Westen

Sonntag, 30.03.2014

Dies Wochenende habe ich einen Kurztripp per Bus nach Dali gemacht. In Kunming gibt es fünf verschiedene Fernbusbahnhöfe (Westen, Süden, Osten, Norden, Nordosten), von wo aus die Busse in die entsprechende Richtung losfahren - für mich ging's also vom Westbahnhof los.

Dali ist ein kleines Städtchen, in dem fast nur Angehörige der Bai Minderheit leben und noch ganz in deren altem Stil gebaut, sehr hübsch. Natürlich ist es auch sehr touristisch, aber das beschränkt sich auf einen begrenzten Bereich. Das alte Dali liegt am Westufer des Erhaisees (Ohrsee, weil er die Form eines Ohres hat), das neue Dali an deren Südspitze. Westlich des Erhai liegt eine Bergkette, von der man einen wunderschönen Blick auf Dali haben soll. Leider war der Lift kaputt und zum Bergsteigen bin ich derzeit nicht in der Lage.

Dali hat eine lange Geschichte, es existierte bereits zu Beginn der westlichen Han-Dynastie, also einige Zeit v. Chr. und war früher die Hauptstadt des Königreiches Nanzhao und damals von großer Bedeutung; als später später Kunming Haupstadt wurde, nahm Dalis Bedeutung ab.
Auch die Dörfer in der ganzen Gegend sind noch im alten Stil erbaut (natürlich nicht so prunkvoll, wie Dali selbst):

Die Dächer sind ziegelgedeckt, die Dachfirstenden nach oben geschwungen, wenn es ein Walmdach ist, sind auch dessen Enden nach oben geschwungen. Die Häuser sind weiß getüncht und mit pittoresqen Mustern, meist im Giebelbereich, versehen. Die Eingangstüren sind zwei- oder vierteilig und bestehen aus mit Schnitzereien verzierten Holzteilen. Im allgemeinen ist um das Grundstück eine Mauer, es gibt kleine Nebengebäude, die zusammen mit dem Haupthaus und Mauer einen Innenhof bilden. Auch die Mauer ist weiß getüncht und hat eine der Haupthaustür ähnlich verzierte vierteilige Tür. Die kleineren Sträßchen sind teilweise sehr eng, die Hauptstraßen deutlich breiter. Das Städtchen Dali ist mit quadratisch angelegten Straßen durchzogen, sodaß selbst mir die Orientierung so einigermaßen gelang. Erhalten sind noch vier Stadttore und ein kleiner Teil der ca. sieben Meter breiten Mauer.

In der Umgebung, westlich des Erhai, gibt es mehrere Tempel, die in den Bergen errichtet wurden. Berühmt sind die dicht nebeneinandrstehenden "Drei Pagoden" - das Wahrzeichen der Stadt - hinter denen sich ein in die Berge hoch gehender Tempel erstreckt. Meine schlechte Kondition gestatte mir einen nur langsameen Aufstieg zu den obersten Gebäuden, wobei ich nachher sah, dass viele Chinesen die Steigungen mittels eines Pendelbusses überwunden haben (so schwand mein Respekt vor der chinesischen Kondition doch deutlich).

Beliebt ist auch eine Fahrradtour am See entlang (oder herum) durch die Dörfer hindurch. Auch hier gab es noch ein besonders schönes (touristisch aufbereitetes) Dorf. Ich hatte in der Nähe meiner Unterkunft einen Fahrradverleih (die es fast an jeder Ecke gibt) gefunden, bei dem ich ein Fahrrad den ganzen Tag für ca. 1,20 € (!!) ausgeliehen habe und - das Beste kommt noch - während der Tour bin ich in einer dreckigen Pfütze gestrandet und habe dabei das im vorderen Fahrradkorb deponierte Schloss verloren und mir zusätzlich auf dem Rückweg einen Platten eingefangen (ja, ja ich mußte einen Teil es Wegs schiiiiieben) und war ganz gespannt, wieviel ich dafür wohl löhnen müsse ---- nichts!! Fand ich unvorstellbar.

So, das war mein erster Trip, der mir sehr gut gefallen hat und der auch nicht der letzte bleiben soll. Ich erlebe es trotz des anstrengen Unterrichts doch als sehr wohltuend, dass ich zum einen Zeit habe mir Ziele zu überlegen und vor beginn der Reise etwas genauer anzusehen und zum anderen, dass ich mir diese Ausflüge doch auch leiste.

Im westlichen Kunming war es doch etwas kühler als in Kunming selbst - klar, dass es auch da keinerlei Heizung gab. Hier, so habe ich den Eindruck, wird es peu à peu immer etwas wärmer - allerdings kann das durchaus demnächst mal aufhören.

Euch alles Gute, willkommen in der Sommerzeit - dann kanns bei Euch ja auch bald losgehen mit dem immer-etwas-wärmer werden.

Steffi

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